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Brad Lubman

Composer in Residence 2016

Der Klang unserer Zeit

Ein Gespräch mit Composer in Residence Christian Jost

Christian Jost ist einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartskomponisten. Mit Opern wie «Rote Laterne», «Hamlet» oder «Mikropolis» hat er das Publikum begeistert und Preise gewonnen. In seinen Solo-Konzerten lotet er die Klangzonen der einzelnen Instrumente aus. Immer wieder sucht er nach Innen- und Außenräumen in der Musik und in unserer Welt. Als Composer in Residence wird Jost in Grafenegg den Workshop «INK STILL WET»  leiten, dirigieren und neue Kompositionen vorstellen.

Herr Jost, die Composer in Residence haben in Grafenegg eine lange Tradition – von Krzysztof Penderecki über H.K. Gruber bis zu Jörg Widmann und Matthias Pintscher. Worauf freuen Sie sich besonders?

Ich bin gespannt auf den Ort und die Atmosphäre – darauf, dass ein Großteil unserer Arbeit öffentlich ist und das Publikum uns zuschauen und zuhören kann. Ich freue mich sehr auf die Arbeit im Workshop «INK STILL WET». Aber auch auf die Konzerte mit den Tonkünstlern und Yutaka Sado und auf den «Egmont» mit Klaus-Maria Brandauer, mit dem ich ja bereits in meinem «Weltraum-Oratorium» vor 15 Jahren zusammengearbeitet habe. Und natürlich ist es für einen Komponisten besonders spannend, sich hier, in der Nähe von Wien, also im Wirkungskreis Beethovens, mit diesem Komponisten auseinanderzusetzen und ein neues Werk zu komponieren.

Sie werden unter anderem eine Eröffnungsfanfare für Grafenegg komponieren. Beeinflusst der Ort einer Uraufführung ihre Komposition?

Sicherlich ist es so, dass spezielle Orte Einfluss auf ein Werk haben können. In Grafenegg denke ich besonders an die einmalige Open-Air-Atmosphäre. Aber grundsätzlich will man ja Musik schreiben, die auch an anderen Orten Bestand hat. Und deshalb geht es am Ende immer um die Frage, ein gutes Werk zu schreiben.

Was genau macht ein gutes Werk aus?

Eine Komponente ist sicherlich die Unmittelbarkeit seiner Wirkung. Wir haben es in einer globalisierten Welt mit so unendlich vielen, allgegenwärtigen und unterschiedlichen Ästhetiken zu tun und suchen umso sehnsüchtiger nach einem Stoff, der uns als Menschen zusammenhält. Dieser Stoff ist für mich die «conditio humana» – und ich glaube, die Musik ist eine ideale Kunst, um dieses kollektive Gefühl zu beschwören.

Ein Thema, das bereits Beethoven beschäftigt hat. In Grafenegg werden Sie ein Stück vorstellen, dass sich mit Beethovens Lied, «An die Hoffnung», beschäftigt. Was unterscheidet einen Gegenwartskomponisten vom guten alten Beethoven?

Sicherlich der Kontext, in dem wir uns bewegen. Wir haben die gleichen, großen Gefühle wie die Menschen im 19. Jahrhundert, aber unsere Zeit und unsere Wahrnehmungen sind anders. Für mich zeigt aber gerade der Rekurs auf Beethoven, wie zeitlos und damit auch modern Musik sein kann. Ein Großteil seiner Kompositionen besteht aus rhythmischen Strukturen, aus Repetitionen, wie wir sie auch in der Minimal-Music oder in der elektronischen Musik unserer Zeit finden. Beethoven hat in seiner sechsten Symphonie sogar so etwas wie «Loops» komponiert. Mich interessiert, wie man diese Ideen weiterdenken kann und welche Gestaltungsmöglichkeiten wir heute haben, um dem Wahrnehmungsempfinden unserer Zeit zu entsprechen.

«Die Extase ist salonfähig»

Wie würden sie dieses aktuelle Welt-Empfinden beschreiben?

Ich finde es spannend, dass der Rausch und die Manie hoffähig geworden sind. Das ist ein Phänomen, das mich besonders interessiert: das absolute Eintauchen in die Dinge und das körperliche Loslassen.

In der Gegenwartsmusik beobachten wir, dass viele Komponisten individuelle Systeme erschaffen, ihre eigenen Regeln erfinden und ihnen in ihren Werken folgen ...

... Ich glaube, dass ist eine Reaktion auf die allgemeine Auflösung von Grenzen und Konventionen. Der Hang zum Individuellen ist durchaus verständlich, darf aber nicht zum Selbstzweck werden.

Wie würden Sie Ihre eigene musikalische Sprache beschreiben?

In meiner Kindheit wurde ich von Fusion Jazz, Ligeti und dem frühen Penderecki geprägt. Heute interessiert mich besonders die Schnittmenge zwischen Fusion Jazz und zeitgenössischer Musik und das alles basierend auf dem Strukturdenken eines Beethoven. Hört sich womöglich etwas abstrus an, ist aber eine Tür die ich geöffnet habe und mich begeistert. Auch hier verschwimmen die Grenzen zwischen den Genres um innovatives hervorzubringen. Ich halte nicht viel von der Elfenbein-Kunst: Es muss immer darum gehen, auch in der eigenen und individuellen Sprache etwas Universelles zu finden. Kunst muss sprechen, ungleich der Sprache sie verwendet.

Wird das ein Aspekt sein, den Sie mit den jungen Komponisten im Ihrem Workshop «INK STILL WET» besprechen?

Ich bin sehr gespannt auf diesen Workshop und auf die Ideen der jungen Kollegen. Für mich wird es wohl in erster Linie darum gehen, gemeinsam mit ihnen technische Wege zu suchen, um ihre individuellen Ideen praktisch umzusetzen. Letztlich ist es bei einem Komponisten so wie bei einem Chirurgen: Je mehr Erfahrung er hat, desto leichter fällt es ihm, einen so komplexen Apparat wie ein Orchester zu bedienen, die technischen Möglichkeiten optimal zu nutzen und die Facetten eines Orchesters mit all seinen unterschiedlichen Instrumenten für die eigene Idee zu einzusetzen.