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PJOTR ILJITSCH TSCHAIKOWSKI

Symphonie Nr. 4 f-moll op. 36

Sätze
Andante sostenuto - Moderato con anima, in movimento di valse
Andantino in modo di canzona
Scherzo. Allegro - Trio
Finale. Allegro con fuoco


Dauer

40 min

Entstehung
1877

 

Pjotr Iljitsch Tschaikowski zu verstehen gelingt nur, wenn man seine hochsensible Persönlichkeit mit einbezieht. Er hatte als «Spätberufener» erst mit 22 Jahren mit dem Musikstudium begonnen. Wenige Jahre später unterrichtete er bereits in Moskau, komponierte und schrieb Kritiken. Der überaus menschenscheue und schüchterne Tschaikowski lebte in einer Welt, in der es kein Heilmittel gegen – und schon gar kein Verständnis für – Depressionen gab, die ihn immer wieder heimsuchten. Und völlig undenkbar war das offene Bekenntnis zu seiner Homosexualität, was ihn in die Isolation trieb. Der verzweifelte und zum Scheitern verurteilte Ausbruchsversuch fand am 18. Juli 1877 statt, als er völlig überhastet und unüberlegt Antonina I. Miljukowa ehelichte. Ohne seine Schülerin je besser kennen gelernt zu haben, war er der Illusion erlegen, sich durch eine Eheschließung «heilen» zu können; damals wie heute ein absurder Gedanke. Nur elf Wochen später ging die Ehe nach einem Selbstmordversuch Tschaikowskis in die Brüche, obwohl sie nie offiziell geschieden wurde.

Das Jahr 1877 brachte aber auch Licht in Tschaikowskis Leben. Dieses Licht leuchtete in Form der reichen Witwe Nadeschda von Meck plötzlich in die Welt des gebeutelten und von Geldsorgen geplagten Komponisten. Bereits im Jahr zuvor hatte sie ein Werk für Violine und Klavier bei ihm bestellt und ihm am 18. Dezember geschrieben: «[...] Es ist überflüssig, Ihnen zu sagen, wie begeistert ich von Ihrer Komposition bin, da Sie wohl anderes Lob gewohnt sind und die Verehrung eines auf dem Gebiete der Musik so unbedeutenden Wesens wie ich Ihnen nur lächerlich vorkommen könnte. Mir aber ist meine Freude an Ihrer Musik so teuer, dass niemand darüber lächeln soll [...].» Und mit diesem Brief begann eine Freundschaft, die insgesamt 14 Jahre lang halten sollte. Die Briefbeziehung zwischen Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Nadeschda von Meck gehört zu den eigentümlichsten Nicht-Liebesbeziehungen der Geschichte. In mehr als 1200 (!) Briefen tauschten sich die beiden über Musik, Philosophie, Religion, Kompositionsvorhaben und ganz allgemeine Sorgen des Lebens aus. Aber auch Seelen­beich­ten und intime Bekenntnisse enthält die Korrespondenz, die weitgehend erhalten ist. Von Meck unterstützte Tschaikowski mit einer jährlichen Pension von 6000 Rubel, was ihm ein sorgenfreies Leben als Komponist ermöglichte und ihn eines der wichtigsten Grundprobleme des Künstlerdaseins enthob. Das größte Kuriosum an der Briefbeziehung bleibt aber, dass sich die beiden auf eigenen Wunsch hin niemals persönlich begegneten. Lediglich «aus der Ferne» sah Tschaikowski bei seltenen Gelegenheiten seine Freundin und Gönnerin. Viel gäbe es noch über diese Brieffreundschaft zu erzählen, es muss an dieser Stelle bei einem Verweis auf die Literatur bleiben, die sich intensiv mit dieser berühmt gewordenen und häufig als «Seelenverwandtschaft» bezeichneten Korrespondenz auseinander gesetzt hat.

Nadeschda von Mecks Zuspruch und Trost, bestimmt aber auch ihre finanziellen Zuwendungen ließen Tschaikowskis Schaffenskraft in der zweiten Jahreshälfte 1877 wieder erstarken. Es wurde insgesamt ein Schlüsseljahr für ihn: Noch vor dem Ehedesaster hatte er diese Freundin und Gönnerin gefunden, die seine Kunst vorbehaltlos bewunderte. Am 26. Juni 1887 (also nur wenige Wochen vor der unglücklichen Eheschließung) hatte er an Nadeschda von Meck geschrieben: «[...] Ehe ich meinen Wunsch äußere, möchte ich eine Frage an sie richten: Halten Sie mich für Ihren Freund? [...] Falls Sie diese Frage mit einem Ja beantworten können, so würde ich mich sehr freuen, wenn die Widmung der Symphonie ohne Namensnennung einfach lauten könnte: «Meinem Freunde gewidmet» [...]». Am 11. Jänner 1878 schloss er die Partitur der 4. Symphonie ab und widmete sie mit dem Einverständnis seiner Gönnerin «a mon meilleur ami» – «meinem besten Freund».

Kurz nach der Uraufführung «ihrer» Symphonie bat von Meck den Komponisten, ihr das «Programm» des Werks zu erläutern. Tschaikowskis Antwort vom 1. März 1878 ist berühmt geworden. Wie viel Beachtung man ihr schenken möchte, liegt letztlich im Ermessen des Publikums und der Musikwissenschaft. Es war der erste und gleichzeitig letzte Versuch Tschaikowskis, eines seiner Werke programmatisch zu beschreiben – bis heute sind diese Ausführungen umstritten. Den Themen und Gedanken ordnete er Begriffe wie «Schicksalsgewalt», «Hoffnungslosigkeit», «Freude» und «Glück» zu; Daraus lässt sich aber noch kein literarisches Pro­gramm ableiten. Gegen das «Programm» (wenn auch aus Tschaikowskis Feder) spricht, dass er es ausschließlich an Nadeschda von Meck schrieb und niemals der Partitur beifügte oder sonst veröffentlichte. Damit waren programmatische Spekulationen kein Faktor in der Rezeption der Symphonie. Wahr ist ebenso, dass der Komponist seine Beschreibungen auffallend zögerlich und unter mehreren Vorbehalten niederschrieb.

Für die «programmatische» Idee spricht aber, dass Tschaikowski zwar explizit keine Geschichte erzählen oder eine Szenerie beschreiben wollte, wohl aber Einblick in die «unklaren Gefühle» gab, «die einen beim Komponieren bewegen». Im Postscriptum seines Briefs an Nadeschda von Meck merkte er an: «Als ich den Brief in den Umschlag stecken wollte, las ich ihn nochmals durch und war entsetzt über die Unklarheit und Mangelhaftigkeit des Programms, das ich Ihnen schicke.» Ob mangelhaft oder nicht, seine Beschreibung der vier Sätze ist berühmt geworden und soll auch an dieser Stelle nicht verschwiegen werden:

«Für unsere Symphonie gibt es ein Programm, das heißt, es ist die Möglichkeit vorhanden, ihren Inhalt in Worte zu fassen, und ich will Ihnen, aber auch nur Ihnen allein, die Bedeutung des ganzen Werkes wie seiner einzelnen Abschnitte mitteilen. Selbstverständlich kann ich das nur in großen Zügen tun.

Die Introduktion ist der Kern der ganzen Symphonie, sie enthält den Hauptgedanken. Das ist das Fatum, jene verhängnisvolle Macht, die den Drang nach Glück sein Ziel zu erreichen hindert, die eifersüchtig dafür sorgt, dass das Wohlgefühl und die Ruhe nicht überhand nehmen, dass der Himmel nicht wolkenfrei werde; eine Macht, die wie ein Damoklesschwert beständig über dem Haupte schwebt und unausgesetzt die Seele vergiftet. Diese Macht ist überwältigend und unbesiegbar. Es bleibt nichts übrig, als sich ihr zu unterwerfen und erfolglos zu klagen.

Das Gefühl der Niedergeschlagenheit und der Hoffnungslosigkeit wird immer stärker, immer brennender. Ist es nicht besser, sich von der Wirklichkeit abzuwenden und sich in Träume einzuwiegen? Oh Freude! Welch zarter, welch süßer Traum ist erschienen! Ein strahlendes, glückverheißendes Menschenwesen schwebt vor mir und winkt mir zu. Wie schön! Das aufdringliche erste Motiv des Allegro klingt jetzt in weiter Ferne. Nach und nach wird die ganze Seele von Träumen umsponnen. Alles Düstere, alles Freudlose ist vergessen.
Glück! Glück! Glück!!! –
Aber nein, es sind ja nur Träume, das Fatum verscheucht sie wieder. So ist denn das ganze Leben nur ein ewiger Wechsel von düsterer Wirklichkeit und flatternden Glücksträumen. Einen Hafen gibt es nicht: Du wirst von den Wellen hin und her geworfen, bis dich das Meer verschlingt. – Das wäre ungefähr das Programm für den ersten Satz.

Der zweite Satz zeigt das Leid in einem anderen Stadium. Es ist jenes melancholische Gefühl, welches einen umwebt, wenn man abends allein zu Hause sitzt, erschöpft von der Arbeit; das Buch, das man zum Lesen genommen hat, ist den Händen entglitten; ein ganzer Schwarm von Erinnerungen taucht auf. Wie traurig, dass so vieles schon gewesen und vergangen ist. Und doch ist es angenehm der jungen Jahre zu gedenken. Man bedauert die Vergangenheit und hat nicht den Mut, nicht die Lust, ein neues Leben zu beginnen. Man ist etwas lebensmüde. Man möchte sich erholen und zurückblicken, manche Erinnerung auffrischen. Man denkt an die frohen Stunden, da das junge Blut noch schäumte und sprudelte und Befriedigung im Leben fand. Man denkt auch an traurige Momente, an unersetzliche Verluste. Das alles liegt schon so weit, so weit. Traurig ist's und doch so süß, in der Vergangenheit zu grübeln.

Im dritten Satz ist kein bestimmtes Gefühl zum Ausdruck gekommen. Das sind kapriziöse Arabesken, unfassliche Figuren, welche in der Einbildung dahinhuschen, wenn man etwas Wein getrunken hat und ein wenig berauscht ist. Die Stimmung erscheint weder lustig noch traurig. Man denkt an nichts; man lässt der Fantasie freien Lauf, und sie gefällt sich im Zeichnen der merkwürdigsten Linien. Plötzlich taucht in der Erinnerung das Bild eines betrunkenen Bäuerleins auf und ein Gassenliedchen [...] In der Ferne hört man Militärmusik vorbeiziehen. Das sind eben die unzusammenhängenden Gebilde, welche beim Einschlummern in unserm Hirn entstehen und vergehen. Mit der Wirklichkeit haben sie nichts zu tun: sie sind unverständlich, bizarr, zerrissen.

Vierter Satz. Wenn du in dir selber keine Freude findest, so schau um dich. Geh ins Volk, wie es versteht, lustig zu sein, wie es sich voll und ganz seinen freudigen Gefühlen hingibt. Das Bild eines Volksfestes. Kaum hast du dich selbst vergessen, kaum hast du Zeit gehabt, im Anblick der Freude anderer Men­schen zu versinken, als auch schon das unermüdliche Fatum dir wiederum seine Nähe verkündet. Die andern Menschenkinder wenden sich aber wenig an dich. Sie schauen dich gar nicht an, sie merken es gar nicht, dass du einsam und traurig bist. Oh, wie sie sich freuen, wenn sie glücklich sind! Und du willst behaupten, dass alles in der Welt düster und traurig sei? Es gibt doch noch Freude, einfache, urwüchsige Freude. Freue dich an der Freude anderer, und – und das Leben ist doch zu ertragen.

Das ist alles, was ich Ihnen in betreff der Symphonie zu sagen vermag, meine teure Freundin. Selbstverständlich sind meine Worte nicht klar und nicht erschöpfend genug. Darin liegt aber die Eigenart der instrumentalen Musik, dass sie sich nicht analysieren lässt.»

© NÖ Tonkünstler Betriebsgesellschaft m.b.H. | Alexander Moore