Composer in Residence

Philippe Manoury

In der Probenpause kann Philippe Manoury selten an einem Flügel vorbeigehen, ohne ein wenig zu klimpern. Ehe man es sich versieht, hat er einem den kleinsten Übergang von Debussys «La Mer» zum gleichnamigen Chanson von Charles Trenet vorgeführt, wie man von dort zu Wagners «Tristan» kommt und wieder zurück. Der Komponist Philippe Manoury hat viele Gesichter. Er ist Musikgelehrter und Musikant, Computermusikpionier und Meister der Orchesterklangfarben, zu Hause in der Weltliteratur und zugleich stets am Puls der aktuellen gesellschaftlichen Themen und Debatten: Seien es die Nachbeben der Nutzung der Kernenergie – in seinem Musiktheater «Kein Licht» – oder die humanitäre Krise der vom Ertrinken bedrohten Flüchtenden im Mittelmeer im «Lab. Oratorium». Im Rahmen seiner Residenz beim Grafenegg Festival sind verschiedene Facetten dieses faszinierenden Komponisten zu erleben, der in den letzten Jahren wie wenige andere zu einer Erneuerung des sinfonischen Orchesters beigetragen hat.

Doch der Reihe nach: Dass Musik ein Weg in die Freiheit sein kann, diese Erfahrung machte Philippe Manoury schon früh. Geboren im französischen Zentralmassiv und zunächst aufgewachsen im Dorf Corrèze, machten ihm als Kind der Umzug in die Großstadt Paris und der autoritäre Ton in der Schule zu schaffen. Das Klavier wurde zu seinem Rückzugsort: Spielen und Komponieren gingen Hand in Hand und er bildete sich selbst zum Komponisten heran. Auch an den klassischen Ausbildungstempeln bewegte er sich als «Tourist» zwischen den Welten. Die weihevolle Verehrung der Professorenlegende Olivier Messiaen am Pariser Konservatorium schreckte ihn ebenso ab wie die theoretische Unbedarftheit der Groupe de Recherche Musicale, die ihre Gehversuche auf dem Gebiet der elektronischen Musik allein mit dem Ohr als Wegweiser vorantrieb.

«Autodidakt, der ich größtenteils war, hatte ich ein Bedürfnis nach theoretischer Begründung und Formalisierung», beschreibt Manoury seine damalige Gemütslage. «Ich wollte verstehen, wie neue Musik gemacht wird. Wenn es keine Intuition gibt, gibt es keine Musik. Aber die Intuition alleine reicht nicht aus.» Die Begegnung mit Karlheinz Stockhausen wurde zum Schlüsselerlebnis: «Wenn es diesem Mann gelingt, muss es doch möglich sein, zugleich instrumentale Musik auf hohem Niveau und elektronische Musik zu komponieren.»

Manoury wurde zum Pionier auf dem Gebiet der Computermusik. Am Pariser IRCAM entwickelte er in den 1980er Jahren gemeinsam mit dem Mathematiker Miller Puckette Software, die bis heute aus der Live-Elektronik nicht wegzudenken ist. Als Professor hat er inzwischen selbst Generationen junger Komponistinnen und Komponisten sein Wissen weitergegeben – in San Diego, wo er von 2004 bis 2012 Professor an der University of California war, an der Académie Supérieure de la Haute École des Arts du Rhin in Straßburg, am Collège de France, wo er 2016 die Gastprofessur für Création Artistique innehatte. Und auch in Grafenegg wird er sich dem künstlerischen Nachwuchs widmen als Leiter des Composer-Conductor-Workshops Ink Still Wet. Als Vermittler zwischen den Komponistinnen und Komponisten sowie Interpretinnen und Interpreten ist er eine geradezu ideale Figur, denn stets blieb das Orchester ein Fluchtpunkt seines Schaffens: Als ein Instrument, dessen Zukunft erst noch vor ihm liegt.

«Ist es nicht verblüffend, dass das Orchester auf die immer gleiche Weise benutzt wird, mit der immer gleichen Hierarchie zwischen den Stimmen», fragte sich Philippe Manoury vor einigen Jahren, «zweihundertfünfzig Jahre, nachdem Joseph Haydn das sinfonische Orchester geprägt hat? Gibt es nicht eine andere sinnvolle Art, die Musikerinnen und Musiker in einem Orchester anzuordnen als die, die wir seit zweieinhalb Jahrhunderten kennen?» Manoury beließ es nicht bei einer theoretischen Beantwortung der Frage, sondern schuf einen großen Werkzyklus, die Köln-Trilogie, in dem er das Postulat der Gleichwertigkeit aller Stimmen auf eine radikale Probe gestellt hat. Mit drei teils abendfüllenden Werken, die den philharmonischen Raum neu vermessen haben.

Im Rahmen der Grafenegger Konzerte wird der Auftakt zu einem neuen Werkzyklus von Manoury zu erleben sein, einer Werkreihe, in der er sich jeweils einer bestimmten Zeitlichkeit widmet: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. «Die Antizipation, im Deutschen so viel wie ‹Vorwegnahme›, ist ein fundamentaler Motor der Musik. Wenn man Musik hört, versucht man, und wenn es unbewusst geschieht, das Kommende vorauszuahnen. Das heißt, wir verfügen über die Fähigkeit, etwas über die Zukunft zu wissen, wenn auch nicht alles.» Dieses vorausschauende Hören ist keineswegs auf tonale Musik beschränkt. «Man kann in der Musik Prozesse beobachten, wie man Pflanzen beim Wachsen zusieht – und auch wenn es keine Kadenzen mehr gibt wie bei Mozart, so kann man doch vielleicht vorausahnen, ob ein Vorgang sich immer weiter verdichtet oder im Gegenteil ausdünnt, ob eine Linie nach oben weitergehen wird oder nach unten, langsamer wird oder schneller.»

Philippe Manoury ist viel zu sehr Dramatiker, als dass er seinen Pflanzen einfach beim Wachsen zusehen würde – und so hat er neben einem Orchester auf der Bühne noch zwei weitere «Akteure» eingebaut: Gruppen von je fünf Musikerinnen und Musikern, die er als «Whistleblower» bezeichnet. Diese Gruppen erklingen zunächst von außen, nähern sich in mehreren Schritten immer mehr der Bühne an – und animieren schließlich das Bühnenorchester, in ihre Musik mit einzustimmen. «Wir sind umgeben von solchen Stimmen, die uns auf Dinge aufmerksam machen, die vielleicht nicht richtig laufen. Und es dauert meist lange, bis sie zur Allgemeinheit durchdringen.» Und so verspricht auch dieses neue Stück von Philippe Manoury einzulösen, wofür sein gesamtes Œuvre steht: packende Musik unserer Zeit.

Patrick Hahn

 

Konzerttermine

29/07 Sa
Prélude / 18.00 Uhr · Schlosshof

19/08 Sa
Fanfare Uraufführung
Abendkonzert / 19.30 Uhr · Wolkenturm

20/08 So
Prélude / 16.30 Uhr · Schlosshof

26/08 Sa
Anticipations Österreichische Erstaufführung
Abendkonzert / 19.15 Uhr · Wolkenturm

Zur Konzertreihe Composer in Residence

 

Bei herrlichem Herbstwetter durften wir Philippe Manoury, Composer in Residence 2023, in Grafenegg begrüßen. Er besichtigte auch den Wolkenturm, wo sein Stück «Anticipations» am 26. August 2023 seine österreichische Erstaufführung erleben wird. Mehr darüber verrät er hier im Video.

 

 

Ink Still Wet

Willkommen im Labor des Klangs! Der Composer-Conductor-Workshop Ink Still Wet ist eine der erfolgreichsten Institutionen der Gegenwartsmusik.

Die Idee von Ink Still Wet ist weltweit einzigartig: Junge Komponistinnen und Komponisten bekommen die Möglichkeit, ein für den Workshop komponiertes symphonisches Werk mit einem professionellen Orchester, dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, einzustudieren und anschließend im Rahmen des Grafenegg Festivals uraufzuführen. Als Coach stehen ihnen dabei die jeweiligen Composers in Residence des Festivals zur Seite.

26/08 Sa
Ink Still Wet Abschlusskonzert
Nachmittagskonzert / 15.30 Uhr · Auditorium
Freier Eintritt

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