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Ein Blick hinter die Kulissen

Kurzgeschichten aus 20 Jahren Grafenegg
Wolkenturm Grafenegg

Veröffentlicht: 20/04/2026

BACKSTAGE

20 Jahre Grafenegg

Die folgenden amüsanten, spanneden und unterhaltsamen Kurzgeschichten von Roland Imrich, einem Mitarbeiter der ersten Stunde, führen durch 20 Jahre Konzertgeschichte in Grafenegg.

«Als Mitarbeiter der ersten Stunde habe ich viel gesehen und erlebt. In diesen Kapiteln möchte ich einen Auszug aus all den Jahren BACKSTAGE erzählen, die der normale Konzertgast so nie mitbekommen würde. Gute Unterhaltung!»
Autor Roland Imrich, geboren 1976 in Wien, verwurzelt in Niederösterreich. Seit 1999 in der heimischen Kunst- und Kulturbranche beschäftigt und seit der Gründung des Grafenegg Festivals in und für Grafenegg tätig.
Roland Imrich
© Roman Strobl

Christo in Grafenegg –

der Wolkenturm verhüllt

Nun stand er da, der Wolkenturm, in seiner polarisierenden Pracht. Nicht jeder konnte Gefallen an ihm finden. Aber er war durchaus ein beindruckendes Kunstwerk. Auch wenn die Baufirmen ihre Mühe hatten, alles so verschränkt zu betonieren. Zudem alles danach ja Sichtflächen sein sollten. Professor Müller, eine international bekannte Größe in der Akustikplanung, war vor Ort. Eine Probe des Tonkünstler - Orchesters fand schon statt, es wurde gemessen, an den Akustikpaneelen geschraubt, um das klanglich Beste heraus zu holen. Die Hörner waren viel zu laut. Ihre Töne reflektierten an der glatten Rückwand. Hier musste mit stoffbezogenen Tafeln Abhilfe geschaffen werden. Aber es gab noch ein anderes Hindernis, um eine realistische Messung zu machen: es gab kein schallschluckendes Publikum! Also, was tun?

Der erste Zugang war, wir kaufen große Flächen Molton und decken die Zuschauerreihen damit ab. Jedoch sind etwa tausend Quadratmeter Molton etwas kostspielig. Und 10.000 Euro für eine einmalige Akustikmessung eine etwas übertriebene Investition, wenn man den Stoff danach gar nicht mehr verwenden kann. Mir fiel dann gleich der Erdbeerbauer vom Agrarservice ein. Ich wusste, dass dieser seine Erdbeerfelder mit langen, breiten Fliesbahnen im Frühjahr abdeckt. So fragte ich ihn kurzerhand, ob er uns hier mit seinem motorisierten Abroller, am Frontlader des Traktors montiert, aushelfen mag. Er willigte sofort ein und kam vor der nächsten anberaumten Akustikmessung zum Wolkenturm.

Mit vielen Leuten und vereinten Kräften verhüllten wir mit den weißen Fliesbahnen die gesamten Zuschauertribünen um so ein Publikum zu imitieren. Wir fühlten uns wie Christo! Und die erneuten Messungen führten zu einem aussagekräftigen Ergebnis. Alle waren zufrieden. Der Preis für diesen ganzen Aufwand war lediglich drei Kilogramm Leberkäse, Gebäck und zwei Kisten Bier für den Erdbeerbauern und die Mitarbeiter:innen des Agrarservices.

Erste Probe am Wolkenturm
© Roland Imrich

Gala und Gewitter

Nach ausgiebigen Planungen, stundenlangen Besprechungen samt Protokoll, Agenturen und einer riesigen Ansammlung an ORFPersonal fieberten wir der Eröffnung des Wolkenturms, mit der ersten Sommernachtsgala entgegen. Drei Lichttürme, üppig bestückt und eine Batterie an Scheinwerfern ins Dach des Wolkenturms gehängt. Das Schloss mit zwölftausend Watt Flutern bestrahlt, die Bibliothek aus dem Inneren heraus in dezentem Orange ausgeleuchtet. Ein ganzer EVN-Trafo ausgelastet. Die große Wiese mit Stehtischen und Liegestühlen ausgestattet. Empfänge ringsum, überall VIPs und alles was Niederösterreich zu bieten hatte war an diesem Tag in Grafenegg.

Sechs fixe Kameras, eine Schwenkarmkamera auf einem eigens angefertigten Podest, eine Steadycam und draußen am Parkplatz ein gelber 60 Meter hoher Prangl Autokran mit einer Kamera oben drauf. Regiecontainer eingerichtet, Blumenschmuck fertig, Kameralaufbahn bereit. Doch die Wettervorhersage war schlecht, ein Gewitter sei im Anmarsch, es zog über den Wolkenturm, traf uns mit voller Wucht und ließ eine enorme Regenmenge zurück.

Das Wasser konnte aus der Senke des Publikumsbereichs nicht mehr abfließen. Es stand fast einen halben Meter hoch bis über die ersten Stuhlreihen. Die Feuerwehr musste schleunigst her. Angerückt mit starken Pumpen, konnten wir die Lage in den Griff bekommen und uns aus dieser misslichen Situation retten. Eine Stunde vor der österreichweiten Live-Übertragung konnten wir den Wolkenturm wieder für Künstler:innen, Orchester und Publikum freigeben. Alles konnte planmäßig beginnen und der Wolkenturm hatte seine Taufe überstanden. Beendet wurde die Eröffnung mit Pomp and Circumstance und einem fulminanten Feuerwerk im Takt des Orchesters.

Wolkenturm bei Regen
© unbenannt

Großer Applaus –

die vergessene Partitur

Ich weiß nicht mehr genau welches Orchester es war, aber ich bilde mir ein, es waren die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle. Jedenfalls ein schon lange ausverkauftes Konzert. Jeder wollte den berühmten Maestro live sehen. Nachtmittags gab es Proben, es sollte ja alles perfekt sein. Eine kurze Pause wurde dem Orchester noch bis zum Beginn des Einlasses gegönnt. 

Unsere Orchesterwarte, die zur Unterstützung bei den Fremdorchestern immer vor Ort waren, kontrollierten die Bühne und verteilten die richtigen Noten des ersten Stücks für die einzelnen Instrumentengruppen. Dann war es so weit, das Konzert konnte starten, das Orchester stieg ein und fing zu stimmen an. Nach dem Kommando der ersten Geige war alles bereit. Der Inspizient schickte den Dirigenten auf die Bühne. Das Orchester erhob sich und der Maestro stellte sich zu seinem Pult. 

Aber dass Pult war leer, nur die beiden Gewichte, die die Partitur vor dem Wind schützen sollten, waren da. Bei unserem Orchesterwart läuteten schon die Alarmglocken als ihm sein Malheur bewusst wurde. Er schnappte die Partitur, rannte auf die Bühne und legte sie dem Dirigenten vor die Hände. Daraufhin ging er vor zur Bühnenkante, verbeugte sich reumütig und sorgte so für einen großen Applaus von 2.000 Leuten, die diese Geste sehr lustig fanden. Und wir alle backstage natürlich auch!

Feuerwerk am Wolkenturm
© Helmut Lackinger

Tonkünstler aus der Handtasche

Anlässlich des siebzigsten Geburtstages unseres Künstlerischen Leiters Rudolf Buchbinder und der internationalen Weiterentwicklung des Grafenegg Festival wurde ein großes Fundraising Dinner geplant. Viele Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur wurden eingeladen und sollten zur Unterstützung beitragen. Vom Dirigentenstab, über Partituren bis zum wertvollen Gemälde konnte alles von den betuchten Gästen ersteigert werden.

In die Vorbereitungen waren die unterschiedlichsten Stellen einbezogen. Ich kümmerte mich um die Aufbauten im Saal mit einem Überbau der ansteigenden Stuhlreihen, Treppen auf die Bühne und einer Galatischaufstellung für etwa 350 Personen. Die Bereichsleiterin und Isabella Metternich um die Dekorationen und den Blumenschmuck, eine Kollegin um den minutiösen Ablauf mit genauem Protokoll und Clarissa Metternich um die Give-aways für die teilnehmenden Damen der hochkarätigen Veranstaltung.

Dies war eine Clutch aus gefrästem, schimmerndem Metall mit seidenem Innenfutter. Ein eigens, in Italien produziertes Unikat. Und auf dieses Innenfutter sollte ein Foto gedruckt werden, auf dem das gesamte Tonkünstler-Orchester abgebildet ist und nach oben sieht. Der Gag also, wenn man die Tasche öffnet, schauen einem die Musiker:innen entgegen.

Aber so ein Foto zu machen, ist alles andere als einfach. Und günstig sollte es noch dazu sein. Wenn hier ein professioneller Fotograf eine Viertelstunde zwischen den Proben dafür beanspruchen würde, dann bedeutet das gleich Zulagen in großer Höhe. Ich hatte dann die praktikable Idee, einfach eine kleine GoPro-Kamera an das Akustiksegel auf der Decke zu schrauben. Das Orchester und der Dirigent wurden darüber informiert und wir machten damit einen Kurzfilm, und die Tonkünstler lächelten auf Kommando des Dirigenten nach oben. Wir brauchten dann nur mehr das beste Standbild daraus nehmen und fertig war der Schnappschuss fürs Innenfutter!

Tonkünstler-Handtasche
© Beatrice Schreiner

99 und ein Luftballon

Als ich im Frühjahr 2025 im Veranstaltungsplan gelesen hatte, dass Nena nach Grafenegg kommt und am Wolkenturm zwei Konzerte spielen soll, fiel mir gleich wieder die Geschichte mit dem Ballon ein.

Am Anfang der ersten Spielsaison war alles fertig geplant, der Konzertbeginn, die Anspielproben und alles natürlich mit den Dienstzeiten, in Absprache mit den Agenturen und den Gewerkschaften der Orchester abgesprochen. Nur gab es da noch eine Komponente, die trotz minutiöser Ablaufpläne nicht bedacht worden war. Die untergehende Sonne!

Tja, der Wolkenturm ist in seiner Bauweise so ausgerichtet, dass die verschiedenen internationalen Orchesterformationen, und auch das zahlreiche Publikum, einen tollen Blick auf das historische, über verschiedene Epochen lang gebaute Schloss, von seiner schönsten Seite sehen kann. Nur geht genau dahinter im Westen, rechts neben dem alten runden Turm, der zum ältesten Teil des Schlosses gehört, die abendliche Sonne unter. Die Stimmung zu dieser Zeit ist unbeschreiblich. Aber das Problem waren die vor Konzertbeginn angesetzten Proben, bei denen die Musiker die volle Sonne im Gesicht hatten. Also, was tun?

Das Einfachste wäre natürlich gewesen, den Konzertbeginn ein wenig nach hinten zu verlegen. Aber wie sollte das gehen, wenn alles geplant und öffentlich in allen Medien kommuniziert war? Also wurde intensiv nach einer Lösung gesucht. Sogar eine Kooperation mit einem Sonnenbrillenhersteller wurde angedacht. Schlussendlich hatte Jemand die Idee, einen Ballon als Schattenspender für diese eine Stunde zwischen Sonne und Wolkenturm zu positionieren. 

Also besorgte man den einzigen in Europa vorhandenen Pressluftballon, ich glaube er war aus Frankreich, und ein entsprechendes Team das dieses Monstrum vor jeder Probe mit einem riesigen Kompressor aufblies. Groß, weiß und mit Seilen verspannt war er zweckerfüllend - aber schön war er nicht!

Im darauffolgenden Jahr wurde dann mit einer speziellen 360-Grad-Optik, die genaue Sonneneinstrahlung zur Bühne minutengenau berechnet. Anhand dieser Erkenntnisse wurden die Spielzeiten entsprechend angepasst. Nur aus diesem Grund beginnen die Konzerte im Juni um 20.30 Uhr und im September um 19.00 Uhr, da sich der Sonnenstand entsprechend verändert. 99 Luftballons, auf ihrem Weg zum Horizont und einer vor dem Wolkenturm...

Ballon
© unbenannt

Das FOH-Kaninchen

FOH kommt aus dem englischen und heißt so viel wie Front of House. Als solchen bezeichnet man den Technikleitstand der die Ton- und Lichttechnik samt ihren Techniker:innen beherbergt, die eine Veranstaltung mehr oder weniger steuern.

Früher gab es die heutige, futuristische Konstruktion aus Stahl am Wolkenturm noch nicht, diese wurde erst nach verschiedenen Improvisationsvarianten vom Architekten Ernst Fuchs realisiert. Und bekam dann den klangvollen Namen «Spatz». Am Anfang gab eseben nur die freie Fläche daneben, leicht außerhalb der Mitte des Zuschauerraums.

Die erste Lösung war ein Plateau aus Bühnenpodesten mit einem Rahmen aus 4-Punkt Aluminiumtraversen, über dem eine schwarze Plane gespannt war. Eher eine zugige Angelegenheit und nicht gerade einbruchssicher. Aber durch den Unterbau bot es allerlei schattige Plätzchen für so manches Getier. Bald bekamen wir Besuch von einem silberfarbigen kleinen Kaninchen. Keiner wusste woher es kam oder wem es gehörte. Aber es war offensichtlich an Menschen gewöhnt.

Vollkommen zahm und unerschrocken hoppelte es im FOH zwischen den Mischpulten hin und her. Selbst bei einem Konzert fürchtete es sich nicht. Über mehrere Wochen begleitete es uns bei den verschiedensten Konzerten und wurde natürlich von unserem Technikpersonal auch immer wieder mit schmackhaften Snacks verwöhnt. Doch eines Tages war es dann plötzlich verschwunden. Vermutlich wurde es selber zum Snack eines Fuchses...

Kaninchen
© Roland Imrich
Portrait von Rudolf Buchbinder
Rudolf Buchbinder © Julia Wesely
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