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«Emily – No Prisoner Be»

Liederzyklus neu gedacht
Joyce DiDonato & Ensemble Time for Three

Veröffentlicht: 01/07/2026

Im Mittelpunkt des ersten von vier Nachmittagskonzerten im Rudolf Buchbinder Saal steht die Lyrik von Emily Dickinson, einer der bedeutendsten Dichterinnen der Weltliteratur. Der Pulitzer-Preisträger Kevin Puts hat in enger künstlerischer Zusammenarbeit mit der gefeierten Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem preisgekrönten, die Genregrenzen sprengenden Ensemble Time for Three einen Liederzyklus geschaffen, der 24 von Dickinsons etwa 1.800 Gedichten in Musik fasst. «Emily – No Prisoner Be» ist eine Hommage an ihr Werk und ein aufregender biografischer Einblick in die Gedankenwelt der Dichterin. Es entstand als Auftragswerk der Bregenzer Festspiele, Cal Performances und Santa Barbara Arts & Lectures.

Ein Universum in Gedankenstrichen

Die Sprache von Dickinsons Gedichten ist elliptisch, das heißt, sie lässt mehrere Bedeutungsebenen zu; sie ist sparsam und durchzogen von Gedankenstrichen – diese scheinbar kleinen Zeichen wirken wie Sprungbretter, die den Leser:innen Raum geben, eigenen Gedanken und Assoziationen nachzuhängen. Die Abkehr von traditionellen Versmaßen und konventionellem Schriftbild machte Dickinsons Gedichte einzigartig, und auch die innere Welt, die sich in den Versen abbildet, ist rätselhaft und voller Überraschungen. 

Die meisten ihrer rund 1.800 Gedichte entstanden in der Abgeschiedenheit ihres Zuhauses in Amherst, Massachusetts. Dickinson, die eine gute Schulbildung erhielt und in jungen Jahren ihren Vater auf Geschäftsreisen begleitete, blieb mit der Zeit immer mehr für sich: Das Anwesen ihrer Familie, und darin vor allem ihr Zimmer, bildete ihren Rückzugsort. Und doch war sie keineswegs weltabgewandt, ganz im Gegenteil, sie korrespondierte mit zahlreichen Freund:innen per Brief, verschlang Zeitungen, unterhielt ein Gewächshaus und beschäftigte sich intensiv mit der Natur. Emily Dickinson hatte eine Passion für Bienen, die ein wiederkehrendes Motiv in ihren Texten darstellen, und, so viel sei verraten, auch im Liederzyklus von Kevin Puts eine wichtige Rolle spielen. Emily Dickinson wählte ihre Einsamkeit aus freien Stücken, und unwillkürlich wird man an die in den 1880ern geborene Virginia Woolf erinnert, die in ihrem Essay «A Room of One’s Own» betont, dass kreatives Schaffen einen Ort der Freiheit braucht, und sei es nur ein eigenes Zimmer. Dickinsons Zimmer wurde zu einem Mikrokosmos, in welchem sie durch die Kraft der Poesie die Welt neu ordnete.

Joyce DiDonato & Ensemble Time for Three
© Shervin Lainez

Reise in das Innerste

Die Komposition «Emily – No Prisoner Be» überschreitet die Grenzen des traditionellen Liederzyklus. Zwar lehnt sich Kevin Puts in der Struktur an Vorläufer wie etwa Schuberts «Die schöne Müllerin» an, und auch die Besetzung mit einer Solostimme folgt dem Vorbild. «Emily – No Prisoner Be» erzählt aber keine chronologische Geschichte, sondern gleicht eher einer musikalischen Reise durch die Vielfalt von Dickinsons Poesie mit den darin verwobenen starken biografischen Anspielungen. 

«It is a musical journey which reflects the variety of Dickinsons poetry. At the beginning we’re in her bedroom and then eventually sort of in her head and maybe even in her heart by the end.»
Joyce DiDonato

Joyce DiDonato beschreibt die Komposition als eine Reise «… von ihrem Zimmer aus in ihre Gedanken – und am Ende vielleicht sogar in ihr Herz». Die Zusammenarbeit zwischen DiDonato, Puts und dem Ensemble Time for Three, das aus einem Kontrabassisten und zwei Violinisten besteht, war ein intensiver Prozess: Über einen Zeitraum von zwei Jahren erarbeiteten sie immer wieder in mehrtägigen Workshops die Interpretationen, und auch die Aufnahmezeit im Studio war mit zwei Wochen wesentlich länger als üblich. DiDonato betont die große Liebe zum gemeinsamen Arbeitsprozess und die organische Verbindung zwischen den Genres, die sich in dem Projekt entwickelt hat: «Time for Three hat einen Vibe, der mehr aus der Folk- und Indie-Musik kommt, und trotzdem fühlt es sich an, als wären wir immer dazu bestimmt gewesen, das gemeinsam zu spielen.» Tatsächlich wird schon mit dem ersten Stück mit dem Titel «They shut me up in prose» klar, dass sich das Trio nicht vornehm im Hintergrund halten wird: Mit flirrenden, aufwühlenden Klängen aus den Geigen beginnt der Zyklus mit einer ansteckenden Energie. Die Bandbreite im Ausdruck der Instrumente wird voll ausgeschöpft – hier wird die Geige wie eine Ukulele gezupft, der Bogenstrich rau und stürmisch, fast rockig eingesetzt. Außerdem sind die drei Musiker nicht nur als Instrumentalisten, sondern auch mit ihren Stimmen präsent, wodurch sich eine besonders emotionale Verschränkung mit der Solostimme ergibt. 

Puts’ Komposition lehnt sich formal zwar an den klassischen Rahmen eines Liederzyklus an, der in der Inszenierung dann aber mehr wie eine weit entfernte Erinnerung durch die vielen Ebenen der Komposition durchzuleuchten scheint. Er schafft ein zeitgenössisches, universelles Werk, das die emotionale Ausdruckskraft von Dickinsons Gedichten in der Musik aufgehen lässt und mit den Genrebrüchen der Frische und Offenheit ihrer Lyrik absolut gerecht wird.

«An astonishing example of what one human brain can contain and invent and create and imagine. Exhilarating, daunting, humbling, thrilling. And for 70 minutes we get to be in that inspired place.»
Joyce DiDonato

«‹Emily – No Prisoner Be› ist ein Werk, das zeigt, was ein menschlicher Geist zu erschaffen, zu erfinden und zu imaginieren vermag. Erregend, einschüchternd, demütigend – und gleichzeitig beflügelnd», wie DiDonato es beschreibt: «Für 70 Minuten dürfen wir in diesem inspirierten Raum verweilen.» Wir freuen uns darauf! 

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