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Alles eine Phase

Steve Reich ist 2027 Composer in Residence in Grafenegg
Steve Reich

Veröffentlicht: 03/10/2026

Als sich seine Eltern trennen, ist Steve gerade ein Jahr alt. Seine Mutter zieht nach Los Angeles, Steve bleibt bei seinem Vater in New York. Zweimal im Jahr besucht er seine Mutter: 4.000 Kilometer Luftlinie quer über den nordamerikanischen Kontinent. Ende der 1930er-Jahre benötigen Steve und seine Kinderfrau dafür volle vier Tage mit dem Zug. Ein halbes Jahrhundert später trifft den Komponisten Steve Reich die Erkenntnis: 

«Auch wenn diese Reisen damals aufregend und romantisch waren, denke ich heute im Rückblick: Wäre ich in dieser Zeit in Europa gewesen, hätte ich als Jude ganz andere Züge nehmen müssen.»
Steve Reich

1988 komponiert Steve Reich «Different Trains» für Streichquartett und Tonband, das Kronos Quartet reist damit um die Welt. Die Melodik des Werkes wurzelt in kurzen Sprachaufnahmen: Erinnerungen der inzwischen 70-jährigen Kinderfrau, eines alten Schaffners und von Holocaust-Überlebenden. Die Musik mag eine unbändige Vorwärts-Energie entfalten, gedanklich aber trifft die nostalgische Erinnerung eines amerikanischen Scheidungskindes auf die Katastrophe der Judenvernichtung unter den europäischen Nationalsozialisten.

Der gebürtige New Yorker Steve Reich feiert am 3. Oktober 2026 seinen 90. Geburtstag. Er zählt fraglos zu den profiliertesten Komponisten der USA, wie auch zu den erfolgreichsten. Allein die Verkaufszahlen von «Different Trains» gehen ins Sechsstellige – eine in der zeitgenössischen Musik kaum jemals erreichte Schwelle. Während man ihn voreilig der Minimal music zurechnet, bevorzugt der Komponist den Ausdruck «Prozessmusik»: die minimale Veränderung dient am Ende nur dazu, den Verlauf der Musik nachvollziehbar zu machen. 

Steve Reich
© Jennifer Taylor

Am Beginn seiner Entwicklung steht ein Zufallsfund. Reich klebt in den mittleren 1960er-Jahren Loops (Tonbandschleifen) zusammen. Als er identische Loops auf zwei Bandmaschinen gleichzeitig abspielt, verschieben sich aufgrund der leicht unterschiedlichen Bandgeschwindigkeiten die Figuren allmählich. So entdeckt Reich die Phasenverschiebung, die er bald auch auf Instrumente überträgt. Aus dem psychedelischen Sog, den die sich langsam voneinander entfernenden Phasen entfalten, ragen ständig neue Melodien heraus, die doch kein Musiker spielt. Auch «Drumming» (1970/71), das Reich weltberühmt macht, basiert auf diesem Verfahren.

Reich wächst mit Strawinski, Bach und Webern auf, seine Liebe aber gilt dem Jazz, insbesondere dem Schlagzeuger Kenny Clarke und dem Saxofonisten John Coltrane. Beim Studium am Mills College in Oakland beugt sich Luciano Berio kopfschüttelnd über Reichs Zwölftonkompositionen, in denen die Reihe sich nicht von der ursprünglichen Tonstufe wegbewegen will. 

«Wenn Sie tonale Musik schreiben wollen, warum tun Sie’s nicht einfach?»,

fragt der Italiener und ermutigt Reich damit, seinen eigenen Weg zu gehen. Sein Interesse am Rhythmus vertieft er durch Studien in Ghana.

Lange Jahre ist seine Musik ohne den Schlagzeuger Steve Reich nicht vorstellbar. Ab 1971, beginnend mit «Drumming», tritt das Ensemble Steve Reich and Musicians in den Konzertsälen der USA und Europa auf. Die ersten Auftragswerke für Orchester entstehen erst in den 1980er-Jahren, darunter «The Desert Music». Das Repertoire des Ensembles hat heute die Gruppe rund um den schottischen Schlagzeuger Colin Currie übernommen, die zum Steve-Reich-Schwerpunkt 2027 nach Grafenegg anreist.

Steve Reich
© Jennifer Taylor

Steve Reich ist 2027 Composer in Residence in Grafenegg. Das Programm enthält neben «The Desert Music» (1984) auf Worte des amerikanischen Dichters William Carlos Willams und «Three Movements» (1986), eingespielt vom Tonkünstler-Orchester und verwendet in dem Streifen «The Hunger Games», auch neuere Werke wie «Reich/Richter» (2019), inspiriert von Gerhard Richters Publikation «Patterns». Natürlich fehlt neben Österreichischen Erstaufführungen darunter das Auftragswerk «In All Your Ways» weder die legendäre «Clapping Music» (1972), eine Phasenverschiebung für zwei klatschende Musiker, noch «It’s Gonna Rain» (1965), das erste Tonbandstück des Komponisten über eine Warnung des New Yorker Straßenpredigers Brother Walter. Begleitet wird das umfangreiche Programm mit dem Tonkünstler-Orchester, dem London Symphony Orchestra, dem Klangforum Wien, der Colin Currie Group u. v. a. von einer ganztägig geöffneten Ausstellung in der neu renovierten Reitschule. Außerdem wird Reich als Leiter des renommierten Kompositionsworkshops «Ink Still Wet» mit jungen Komponist:innen zusammenarbeiten und die nächste Generation von Musikschaffenden an seinen Erfahrungen und künstlerischen Ideen teilhaben lassen.

Conducting baton
© Sofija Palurovic

Reichs Musik hat nichts an Bedeutung eingebüßt, weder für Jüngere noch für Musiker anderer Genres. Brian Eno und Peter Gabriel beziehen sich ausdrücklich auf Reich, auch Elektrokünstler und DJs. Und immer wieder greift Jonny Greenwood von Radiohead zur E-Gitarre, um Reichs «Electric Counterpoint» zu spielen. In Grafenegg übernimmt dies der Rockmusiker und Komponist Bryce Dessner (The National).

Christoph Becher

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Rasenplätze Sommerklänge Konzert © Marlene Fleischhacker
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