Eröffnung der Jahreszeitenklänge
Symphonische Märchen · 26/09/2026Veröffentlicht: 14/09/2026
Musikalische Märchen
Wie vertont man ein Märchen? Schlicht wie ein Volkslied oder geheimnisvoll wie einen Mystery-Thriller? Das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und sein Chefdirigent Fabien Gabel sowie die Sopranistin Elsa Benoit, die Mezzosopranistin Sasha Cooke, der Tenor Maximilian Schmitt und der Wiener Singverein antworten darauf im groß besetzten Eröffnungskonzert der Jahreszeitenklänge 26/27 mit Musik, die rund um 1900 entstanden ist.
Der Abend beginnt mit einer Orchestersuite aus der von Claude Debussy als abendfüllende Oper vertonten Geschichte von Pelléas und Mélisande. In seinem dreiteiligen Liedzyklus «Shéhérazade» lässt Maurice Ravel die Titelheldin fantastische Geschichten aus dem Orient erzählen. Und Gustav Mahler entführt uns zuletzt vom Morgenland in die deutsche Märchen- und Sagenwelt – mit seinem ersten großen Chor-Orchesterwerk «Das klagende Lied».
Im Wald verirrt
«Rühren Sie mich nicht an …», erschrickt die verängstigte Mélisande vor jenem Mann, der sie zufällig im Wald findet. Golaud, so sein Name, beruhigt die junge Frau, sie fasst Vertrauen zu ihm. Er führt sie auf sein Schloss, dort wird sie seine Braut. Und wenn sie nicht gestorben sind … Nein, dieses Märchen nimmt eine andere Wendung.
Golauds jüngerer Bruder Pelléas knüpft zarte, naiv-unschuldige Bande mit seiner Schwägerin. Doch aus dem Spiel wird Ernst: Der eifersüchtige Ehemann bringt seinen Bruder schließlich gar um. Und Mélisande? Sie stirbt an gebrochenem Herzen im Kindbett. – Der französische Komponist Claude Debussy vertonte die rätselhafte Geschichte des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck in schleierhaft-irisierenden Tönen. Jede Regung der handelnden Figuren, jeden Stimmungswechsel bettete er, sorgfältig abgetönt, in das Orchester ein. Aus den orchestralen Vor-, Zwischen- und Nachspielen arrangierte der französische Dirigent Alain Altinoglu eine mitreißende symphonische Suite, die der Handlung der Oper vom ersten Bild im Wald bis zum düsteren Ende folgt.
Mythisches Morgenland
Claude Debussy befand, dass die Musik «für das Unaussprechliche geschaffen» sei, also die großen Geheimnisse von Geburt, Leben und Tod ideal erzählen könne. Maurice Ravel, selbst ein Meistererzähler mysteriöser Geschichten in Tönen, bewunderte seinen 13 Jahre älteren Zeitgenossen. Und wie Debussy spielte er virtuos auf der Klangfarbenklaviatur des Orchesters, etwa in seinem Liedzyklus «Shéhérazade», wo die Titelheldin von der Sehnsucht nach Asien berichtet, von einer verzauberten Flöte, deren Klang einer jungen Frau wie ein Streicheln ihres Geliebten erscheint, und von einem jungen Mann, der am Gemach einer ihn geheim beobachtenden, erwartungsvollen Frau achtlos vorüberschlendert. Im Orchester flirrt und leuchtet alles, während die Singstimme zwischen Deklamationston und zarter Gesangslinie changiert.
Das missglückte Hochzeitsmahl
«Ach Bruder, lieber Bruder mein, du hast mich ja erschlagen! / Nun bläst du auf meinem Totenbein, des muß ich ewig klagen!»
Spätestens in diesem Moment weiß der frischgebackene König in Gustav Mahlers «Das klagende Lied», dass er des Mordes überführt ist. Dabei ist man im Schloss mitten in den Hochzeitsfeierlichkeiten, als ein fahrender Spielmann erscheint und seine aus einem Knochen geschnitzte Flöte magisch ein Lied zu singen beginnt. Mahler vereinte Ludwig Bechsteins «Das klagende Lied» und «Der singende Knochen» der Gebrüder Grimm in seiner Märchen-Kantate «Das klagende Lied» zu einem dichten Libretto. Während Debussy sein Märchen geheimnisvoll wie einen Mystery-Thriller vertonte, bleibt Mahler im Grundton zwar der Schlichtheit des Volkslieds verpflichtet, doch verlangt er, dass das Vorspiel des ersten Teils «mit sehr geheimnisvollem Ausdruck» gespielt werde, jenes zum zweiten Teil muss dann gar «mit höllischer Wildheit» den Kern der gruseligen Geschichte transportieren.
Mahler war 18, als er mit der Vertonung des «Klagenden Lieds» begann. Wie so oft in seinem Œuvre blieb es nicht bei einer einzigen Fassung: Aus der zwischen 1878 und 1880 entstandenen dreiteiligen Urfassung strich Mahler später den ersten Teil und straffte die Komposition, indem er die – damals wohl allseits bekannte – Vorgeschichte wegließ. Diese Version präsentierte er selbst 1901 in Wien der Öffentlichkeit. Es ist jene Fassung, die auch das Tonkünstler-Orchester spielt.
Nach diesem Weg vom Wald bei Debussy über den Orient bis Asien bei Ravel ging es bei Mahler zurück in den Wald und zuletzt in jenes Schloss, das er mit großem Effekt zusammenstürzen lässt: «Die krachenden Mauern sinken!», weiß der Chor erschüttert zu berichten. Beinahe ironisch stellt der Tenor danach fest: «Die Lichter verloschen im Königssaal. / Was ist wohl mit dem Hochzeitsmahl?» Ja, was wohl? Das erfahren Sie am 26. September 2026 im Konzert in Grafenegg.
Symphonische Märchen
Tonkunstler Orchestra · Fabien Gabel · Elsa Benoit · Sasha Cooke · Maximilian Schmitt · Wiener Singverein
DEBUSSY / RAVEL / MAHLER