Interview mit Jazzpianist Yaron Herman
«Genug Platz, mich auszutoben»Published: 09 June 2026
Grafenegg-Debüt von Yaron Herman
Der gefeierte Jazzpianist Yaron Herman beehrt am 27. Juni 2026 den Wolkenturm gemeinsam mit den Tonkünstlern unter Fabien Gabel – und beschert Grafenegg eine Uraufführung
Christoph Irrgeher
Ein wenig schade vielleicht, dass es nicht auch der Song «Blue Skies» auf die Programmliste geschafft hat. Wenn sich Yaron Herman am 27. Juni an einem – hoffentlich – strahlenden Frühsommerabend in Grafenegg ans Klavier setzt, würde das Lied über den ungetrübten Himmel und die zwitschernden Vögel bestens zum Freiluft-Ambiente passen. Doch was soll’s. Das Debüt des israelischen Jazzers am Wolkenturm wird dem Publikum auch so genug hübsches Ohrenfutter bescheren. Begleitet vom Tonkünstler-Orchester und Fabien Gabel werden unter dem Titel «Summertime» nicht nur Jazz-Standard und Ohrwürmer von George Gershwin erklingen («I Got Rhythm», «Someone to Watch Over Me» ,«The Man I Love»), sondern unter anderem auch Cole Porters «Night and Day» und Vincent Youmans’ Welthit von 1924, also «Tea for Two».
Fragt sich freilich: Wie kommt es, dass Herman – ansonsten eher in Jazzclubs tätig – Gartenluft in Grafenegg schnuppert? Französische Künstlerkontakte haben ihn hergebracht: Seit langem in Paris daheim, steht der Tastenvirtuose auf gutem Fuß mit dem Pianisten Bertrand Chamayou. Der wiederum hat ihn dem Dirigenten Fabien Gabel vorgestellt. Und nachdem Gabel Chef des Tonkünstler-Orchesters geworden ist, hat er für ein Projekt an Herman gedacht. «Er hatte die Idee, einen Abend rund um amerikanische Musik zu veranstalten und wollte dabei eine Brücke zu Jazz und Improvisation bauen, ich hielt das für eine tolle Sache», erzählt Herman im Interview.
Herman hat dann Patrick Zimmerli ins Boot geholt, einen amerikanischen Jazz-Komponisten, der ebenfalls in Paris werkt. Speziell für Grafenegg hat der gebürtige New Yorker die erwähnten Songs in ein neues Notenkleid gehüllt. Wenn sich Herman Ende Juni am Wolkenturm an die Tasten setzt, bekommt man also nicht nur ein Debüt geboten – man darf auch von einer Uraufführung sprechen. Umrahmt wird diese von amerikanischen Musikstücken, die ohne Improvisation auskommen: Der Abend beginnt mit der «Vertigo»-Suite von Bernard Herrmann (weder verwandt noch bekannt mit Yaron Herman, sondern der legendärste Filmmusik-Partner von Alfred Hitchcock) und endet mit einem Ausschnitt aus Kurt Weills US-Musical «Lady in the Dark» sowie George Gershwins Orchester-Rhapsodie «An American in Paris». Ein Programm also, das mit nostalgischem Charme melodische Schönheiten des frühen 20. Jahrhunderts feiert.
Wie passt diese Ausrichtung allerdings zu Yaron Herman? Jazzfans wissen: Der Mann aus Tel Aviv zeichnet sich nicht nur durch nur eine erstaunliche Biografie aus. Nach einer Verletzung, die den Traum von der Basketballkarriere platzen ließ, arbeitete er sich in nur drei Jahren vom Klavieranfänger zum Studenten der Elite-Uni Berklee hoch. Auch seine Tonsprache ist unverwechselbar: Hermans Klangfantasie ist an modernen Ikonen des Jazzklaviers wie Keith Jarrett geschult, seine Musik ebenso von impressionistischen Tonsetzern beeinflusst wie von Pop-Hits, die er mit hohem Spielwitz neu deutet – man höre nur seine Fassung von «Message in a Bottle». Seine Eigenkompositionen, meist für kleine Kombos geschrieben, warten mit kammermusikalischer Finesse auf, ziselierten Melodien und federnden Grooves – aktuell nachzuhören auf dem Album «Radio Paradise» (Naïve Records), im Vorjahr in Quintett-Besetzung veröffentlicht.
Hat der 44-Jährige aber auch ein Herz für Swing – oder ist die Beschäftigung mit Gershwin, Porter und Co. für ihn ein wenig so, als müsste er in die Volksschule des Jazz zurück? Keineswegs! «Ich habe die ‹Volksschule des Jazz› nie verlassen!», sagt Herman, für den Standards weiterhin zur täglichen Übungsroutine gehören. Die Ablehnung dieses Traditionsguts kann er nicht nachvollziehen. «Es ist eine Pose im Jazz, über solche Musik zu sagen: ‹Oh, das wurde zu oft gespielt, dafür bin ich viel zu hip!› Dabei frag’ ich mich, worin das Problem wirklich besteht. Liegt es an der Qualität des Materials – oder an der musikalischen Fantasie? Ich würde eher nicht dem Material die Schuld geben.» Herman scheint zwischen dem Jazz von Gestern und Heute keinen Gegensatz zu sehen, eher einen evolutionären Zusammenhang: «Wenn du nach Komplexität strebst, musst du mit der Tradition verbunden bleiben. Die Standards, gespielt von Größen wie Erroll Garner, Duke Ellington, Thelonious Monk oder Bud Powell, sind eine unendliche Quelle der Inspiration.»
Solche Ansagen verdeutlichen natürlich auch: Trotz seiner Verehrung für alte Meister verortet sich Herman mit beiden Beinen in der Gegenwart – und wird seine persönliche Handschrift als Pianist wohl auch in seinen Solos in Grafenegg zum Klingen bringen. Apropos: Wie viel Spielraum wird sich ihm zur spontanen Selbstentfaltung in den Arrangements von Patrick Zimmerli öffnen? «Es sollte genug Platz vorhanden sein, um mich auszutoben», sagt der Tastenvirtuose mit einem Lächeln. Über den Sound der Arrangements möchte er vorab nichts verraten, nicht «spoilern», ob das Orchester die Swing-Melodien originalgetreu wiedergeben oder mit verfremdenden Kniffen (etwa harmonischen Überraschungen) arbeiten wird. «Warten Sie und hören Sie selbst. Wir tun, was Jazzmusiker tun, wir suchen die Essenz dieser Musik, wollen ihr Frische verleihen. Der Trick besteht darin, nicht zu clever sein zu wollen, aber auch nicht zu vorhersagbar. Diese Lieder besitzen eine Qualität, die respektiert werden muss.»
«Warten Sie und hören Sie selbst. Wir tun, was Jazzmusiker tun, wir suchen die Essenz dieser Musik, wollen ihr Frische verleihen. Der Trick besteht darin, nicht zu clever sein zu wollen, aber auch nicht zu vorhersagbar. Diese Lieder besitzen eine Qualität, die respektiert werden muss.»
Wer vermutete, das Orchester sei für Herman ein neuer Arbeitspartner, irrt: Der Tastenvirtuose hat bereits vor acht Jahren mit der Geneva Camerata eine Tour bestritten und ein Studioprojekt verwirklicht. «Sounds of Transformation» (Sony) heißt die Aufnahme, die den Grenzbereich zwischen Jazz und Klassik auslotet. Dieser Tage beschäftigt ihn das Thema wieder, nicht nur wegen seines Auftritts in Grafenegg: Das Orchestre Philharmonique de Radio France hat Herman mit einem Klavierkonzert beauftragt. Eine reizvolle, doch auch kniffelige Aufgabe: «Ich versuche, meine harmonische Sprache am Klavier auf das Orchester zu übertragen», sagt Herman, der in seinem Werk auch die Schönheit musikalischer Freiheit anklingen lassen will.
Dabei weiß er natürlich, dass gerade im Grenzland zwischen Klassik und Jazz Gefahren für Notensetzer lauern: Auf diesem Terrain sind im Laufe der vorigen 100 Jahre nicht nur erhabene Notenmassive entstanden, sondern auch kreative Flops der Marke hohler Crossover. «Es ist ein tückisches Gebiet, man kann hier spektakulär scheitern», sagt Herman, um im gleichen Atemzug allerdings zu ergänzen: «Es sind hier auch sehr lohnende Ergebnisse möglich». Ihm mache das keine Angst: «Wenn du nicht zum Riskieren bereit bist, kommst du nirgendwo hin.» Und: «Ich mache Musik, um etwas auszuprobieren, nicht um Dinge zu wiederholen.»
Summertime
Tonkunstler Orchestra · Fabien Gabel · Yaron Herman
HERRMANN / GERSHWIN / PORTER / YOUMANS / WEILL