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Martha Argerich und Yuja Wang

Zwei Fixsterne der Klaviergalaxie
Agnes Wolf
Piano

Veröffentlicht: 30/07/2026

In der diesjährigen Festivalsaison darf sich das Publikum auf zwei absolute Superstars der Klavierszene freuen: Die einzigartige Martha Argerich, die Grafenegg zum ersten Mal mit ihrem Besuch beehren wird, und ihre schillernde junge Kollegin Yuja Wang, die zuletzt 2023 zu Gast war. 

Zwei Generationen, zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die beiden Spitzeninterpret:innen künstlerisch zu vergleichen, wäre unangemessen und wenig sinnvoll, strahlt doch jede der beiden auf ihre Weise. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten. Beide sind mittlerweile beinahe zu einem Synonym für gegenwärtige Klavierkunst geworden – vielen Musikbegeisterten fällt wohl beim Stichwort «Klavier» als Allererstes einer der beiden Namen ein.

Beide Virtuosinnen transzendieren mühelos die physischen Gegebenheiten des Instruments, dessen komplexe Mechanik mit seinen Hämmern, Schrauben und Hebeln sich unter ihren Händen in Luft aufzulösen scheint, um völliger Freiheit des Ausdrucks Raum zu geben. Beide haben sich neben aller für den Beruf notwendigen Disziplin und Ernsthaftigkeit eine gewisse verspielte Leichtigkeit bewahrt. Diese ist nicht nur ein intrinsisches Element der Musik an sich, sondern auch eine Eigenschaft, die Interpret:innen neben dem gegebenen Perfektionsanspruch das so wichtige Loslassen auf der Bühne ermöglicht – jene spontane Kreativität, die sich als sprichwörtlicher Funke auch auf das Publikum überträgt.

Und dann gibt es noch eine weitere, auf der Hand liegende Gemeinsamkeit, die mit dem Künstlerischen erst mal nur indirekt zu tun hat: Bühnenmenschen dienen seit jeher als Projektionsflächen für Zuschreibungen und Vereinnahmungen aller Art – auf weiblich gelesene Personen trifft dies in besonderer Weise zu. Neben dem üblichen voyeuristischen Interesse am Privatleben oder der Beschäftigung mit Äußerlichkeiten wie Bühnenoutfits äußert sich dies auch in subtileren Details, die wenigen bewusst sind: Beispielsweise bedienen sich Fans, Rezensenten und Veranstalter im Gespräch über Künstlerinnen oft derer Vornamen, ganz unabhängig davon, ob ein persönliches Naheverhältnis oder überhaupt eine Bekanntschaft besteht. Eine vernachlässigbare Kleinigkeit, und doch: Während man zu «Horowitz» oder «Richter» respektvoll emporblickt, holt man «Martha» oder «Yuja» vertraulich nah heran. Wem diese Gedanken ein wenig weit hergeholt scheinen und wer der Ansicht ist, dass in der Wahrnehmung von Künstler:innen längst genderunabhängige Gleichheit herrsche, sei zu folgendem Gedankenexperiment eingeladen:

Haben Sie jemals überlegt, ob Daniel Barenboim angesichts seines übervollen Konzertkalenders auch noch in der Lage war, seinem Sohn ein angemessener Vater zu sein? Oder haben Sie sich mit der Frage beschäftigt, ob Grigory Sokolovs Frack nicht etwa einen unvorteilhaften Schnitt aufweist? Vermutlich nicht, und diese Fragen wirken auch peinlich unangemessen, nicht wahr? Für Künstlerinnen dagegen sind sie ganz alltäglich. 

Martha Argerich und Yuja Wang begegnen derlei Grenzüberschreitungen beispielhaft souverän. Martha Argerich scheint übergriffige Neugier wenig zu tangieren, wenn überhaupt, registriert sie diese mit desinteressierter Ironie. Anders Yuja Wang, die, wohl auch generationsbedingt, ihren Unmut auch einmal entsprechend kommuniziert. Mit diesen Überlegungen sei der Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass Musikerinnen, wie ihre männlichen Kollegen, in erster Linie durch ihre künstlerische Qualität wahrgenommen werden mögen. Oder, um die junge Yuja Wang am Beginn ihrer Karriere zu zitieren, die angesichts der ausufernden medialen Diskussion ihrer Garderobe die folgerichtige Frage stellte: 

«Aren’t people interested in my music?»
Authentizität und Aufrichtigkeit:

Martha Argerich spielt frühen Beethoven

Martha Argerich hat erst kürzlich ihren 85. Geburtstag gefeiert – eine merkwürdig abstrakt wirkende Zahl, die man kaum mit ihr in Verbindung zu bringen imstande ist. Hört man ihr in unverändert jugendlicher Frische strahlendes Spiel, scheint die Vorstellung linear fortschreitender Zeit wie ein amüsantes, jedoch lediglich theoretisches metaphysisches Konzept. So ist es auch stimmig, dass sie Beethovens 2. Klavierkonzert spielen wird, sein später mehrfach überarbeitetes Jugendwerk, das trotz verwirrender Nummerierung eigentlich sein erstes ist und in dem man neben bereits deutlich eigener Sprache noch seine verehrten Vorbilder erkennt.

Martha Argerich
© Adriano Heitman

«Ah, Mozart!» denkt man unweigerlich, hört man die verspielte kleine Melodie in der rechten Hand, die den ersten Klaviereinsatz sowie die Durchführung des ersten Satzes einleitet. «Nein, doch nicht!» wird man wenige Takte später durch die ruppigen Oktavschläge des Orchesters, das mit einer chromatischen Rückung nach oben eine neue Tonart vorstellt, eines Besseren belehrt. Dieses abrupte Parallelverschieben des Geschehens um einen Halbton würde man in anderem Kontext wohl eher mit dem Songcontest assoziieren, und doch ist es so charakteristisch für ein Element in Beethovens Tonsprache, das der Anglizismus «edgy» am treffendsten beschreibt. 

Der zweite Satz ist bereits ein typisch Beethoven'sches Adagio, melancholisch und tröstlich zugleich, und das Finale explodiert nur so vor Sturm und Drang und dem überschäumenden Temperament des damals 18-jährigen Feuerkopfs, der das Konzert für sich selbst erdachte, um sich der Welt als Pianist und Komponist vorzustellen. Auch Martha Argerich begleitet dieses Werk schon seit ihrer Jugend.

Beethoven nimmt in ihrem Repertoire eine etwas eigene Stellung ein – nur wenig Solistisches hat sie von ihm gespielt, wenn überhaupt, dann fast immer nur die ersten beiden Klavierkonzerte, ausnahmsweise das dritte. 

Da sie sich im Leben wie auf der Bühne viel lieber mit Menschen umgibt, als allein zu sein, kann sie dafür mit einer Fülle an Kammermusik aufwarten: Sonaten, Trios und immer wieder das Tripelkonzert, etwa mit den Capuçon-Brüdern, mit denen sie seit vielen Jahren eine musikalische Freundschaft pflegt. Kürzlich spielte sie gemeinsam mit Maxim Vengerov alle zehn Violinsonaten, die ihr ganz besondere Freude bereiten: 

«Ich liebe Beethoven so sehr!»,

erklärt sie strahlend in einem Interview. 

Auch Solokonzerte mit Orchester könnte man als erweiterte Kammermusik verstehen. Gerade die Werke der Wiener Klassik sind ein hervorragendes Beispiel dafür, ist hier doch jeder Solobläser gefordert, mit dem Klavier in Dialog zu treten: Das Orchester ist ein gleichwertiger Partner, keine Begleitung. 

Dass ausgerechnet das B-Dur-Konzert zu einem derart zentralen Werk ihres Repertoires wurde, das hängt mit Friedrich Gulda zusammen. Als die beiden sich Anfang der 1950er-Jahre begegneten, war Martha noch ein Kind. Er, 22 und am Beginn seiner Laufbahn, stellte sich in Buenos Aires mit einer Gesamtaufführung aller 32 Beethoven-Sonaten vor. Sie war sofort begeistert und fasste den Entschluss, trotz (nicht nur) geografischer Hürden bei ihm zu studieren. 

Gulda unterrichtete eigentlich nicht oder nur ungern, für Martha machte er jedoch eine Ausnahme. Die beiden so verschiedenen Menschen verband eine Seelenverwandtschaft: Der Wiener mit Macho-Attitüde, prägnanter Schärfe im Anschlag und bizarrem Humor und die erst elfjährige, schüchterne Argentinierin mit ihrem umfassenden und genialen musikalischen Intellekt verstanden sich einfach. Es scheint sich um ein Phänomen zu handeln ähnlich jenem, das man beobachten kann, wenn zwei Nerds mit Nischenwissen über ein obskures Fachgebiet aufeinandertreffen, um sich mit leuchtenden Augen in Begeisterung zu reden, in einer Geheimsprache, die Außenstehenden verborgen bleibt. Jedenfalls war es bestimmt kein Unterricht im herkömmlichen Sinn, auch wenn Gulda sich darin gefiel, der jungen Kollegin väterliche Ratschläge nicht nur in musikalischen, sondern in allen möglichen Lebensfragen zu erteilen. Vielmehr war es ein gegenseitiges Inspirieren und Beflügeln. 

Und so war es auch eine Interpretation Friedrich Guldas, die Martha Argerich dazu anregte, Beethovens B-Dur-Klavierkonzert in ihr Repertoire aufzunehmen. Über viele Jahrzehnte hat sie das Werk immer wieder gemeinsam mit dirigierenden Freunden wie Claudio Abbado, Daniel Barenboim oder zuletzt Seiji Ozawa aufgeführt, was in mehreren mitreißenden Live-Mitschnitten dokumentiert ist. Die Musik des jugendlichen Beethoven hat etwas besonders Aufrichtiges, Geradliniges – Qualitäten, die auch Martha Argerichs Interpretationen auszeichnen. Ihr Spiel ist authentisch und direkt, jeder Ton spricht klar und trifft mitten ins Herz. So darf ihre Fangemeinde sich auf ein besonders berührendes Konzerterlebnis freuen, das bestimmt noch lange im Gedächtnis bleiben wird! 

Virtuosität als Ausdrucksmittel:

Yuja Wang spielt Prokofjew und Barber

Yuja Wang verkörpert den Inbegriff eines Virtuosentums, das man zum Beispiel mit der Künstlerperson Franz Liszts verbindet und dessen unausgesprochenes Mantra lautet: Schwieriges muss einfach scheinen! Kniffligste pianistische Herausforderungen wirken bei ihr wie Kinderspiel, der Treibstoff Bühnenadrenalin scheint ihr Lebenselixier. Gelegentlich neigen kritische Stimmen zu dem klischeehaften Vorurteil, bei derart akrobatischer Virtuosität müsse zwangsläufig der musikalische Tiefgang leiden, als wären Technik und Ausdruck säuberlich voneinander getrennte Entitäten, die sich verkehrt proportional zueinander verhalten. Ein weitverbreiteter Irrtum, sind doch in Wahrheit alle Elemente, die Musik ausmachen, untrennbar miteinander verwoben! Virtuosität war von Anbeginn ein wesentlicher Bestandteil des Instrumentalspiels und hat auch in ständiger Wechselwirkung das Vokabular der Musiksprache erweitert und vorangetrieben.Umgekehrt ist künstlerischer Ausdruck ohne angemessene technische Fertigkeiten nicht möglich.

Dies trifft besonders auf Wangs bevorzugtes Repertoire zu, bei dem technische Meisterschaft ein zentraler musikalischer Bestandteil ist, der ein adäquates Sichtbarmachen des Werks erst möglich macht!Mit einem Wort: Sie spielt diese unerhört schwierigen Brocken, weil sie’s kann!

Yuja Wang
© Julia Wesely

Selbst ein hervorragender Pianist, gehörte Sergej Prokofjews spielerisches Ausreizen pianistischer Grenzen zu den Kernelementen seiner Klavierkompositionen. 

«He’s a bit naughty!»

erklärte Wang einmal in einem Interview auf die Frage, was sie an Prokofjew besonders möge. Er sei, im positiven Sinn, nie ganz erwachsen geworden, fügt sie hinzu, und sie finde, Künstler:innen sollten sich daran ein Beispiel nehmen. 

Interessanterweise hat Yuja Wang sich für Grafenegg ausgerechnet Prokofjews 2. Klavierkonzert ausgesucht, das eher in dunklen Farben als verspielt daherkommt, und das auch obengenanntes Vorurteil gehörig widerlegt: 

Technisch ist es enorm anspruchsvoll, doch nicht sofort. Vielmehr präsentiert sich das Konzert erst düster und beginnt wenig effekthascherisch mit einer langsamen und lyrischen Einleitung, in der Yuja Wang mit höchst sensiblem Anschlag differenzierte Farbschattierungen zaubert, wie sie bereits in einem frühen Mitschnitt beweist. Dass sich daraus eine der größten Solo-Kadenzen der Klavierkonzertgeschichte herausspinnt und auch die anderen drei hochvirtuosen Sätze der Pianistin kein Verschnaufen gönnen, ist Teil des überwältigenden Effekts.

Ebenfalls düster, jedoch wesentlich opulenter, ist das Klavierkonzert Samuel Barbers, das Yuja Wang im ersten Teil des Konzerts spielen wird. Eine spannende Gegenüberstellung, ist in Barbers Konzert doch unter anderem auch der Einfluss Prokofjews zu erkennen! Abgesehen davon lässt das Werk jedoch deutlich durchblicken, von welchem Kontinent es stammt: Da sind Jazz-Anleihen zu vernehmen, die ausschweifenden romantischen Orchesterpassagen klingen zum Teil wie einer der grandiosen Hollywood- Scores zu einem Filmdrama der 1940er oder 1950er. Jedenfalls ist der Klavierpart erneut aberwitzig schwierig, und auch wenn es von Yuja Wang bislang keine Einspielung von Werken Samuel Barbers gibt, besteht kein Zweifel, dass sich dafür keine bessere Interpretin andenken lässt. 

Und für den Fall, dass ihr die beiden Klavierkonzerte an einem Abend nicht genügend Auslastung bieten, hat die Pianistin mit einer weiteren Herausforderung vorgesorgt: Sie wird eines der beiden Konzerte vom Klavier aus leiten, was angesichts der Partitur, die buchstäblich keine Hand freilässt, ein anspruchsvolles Unterfangen ist! Aber wenn eine Solistin das schafft, dann Yuja Wang! 

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