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Geglückte Modernisierung

Die Reitschule und der Rudolf Buchbinder Saal
Rendering Rudolf Buchbinder Saal

Veröffentlicht: 20/05/2026

Mochten Sie die Alte Reitschule, wie sie bis September 2024 ausgesehen hat? Ich habe sie geliebt, sie hatte einen ganz eigenen Charme, war dunkel, erdig und wirkte irgendwie herrlich morbid mit den leichten Zerfallserscheinungen an allen Ecken. Viele haben die Reitschule als Konzertort, Ballsaal, Konferenzraum und was weiß ich alles in Erinnerung. Rudolf Buchbinder spielte seit 1985 über die Jahre und Jahrzehnte einige wundervolle Konzerte in der Reitschule. 

Rudolf Buchbinder playing the piano
Abschiedskonzert der Reitschule © Sofija Palurovic

Ich kenne sie erst seit dem ersten Festivalsommer 2007, Alfred Brendel gab damals dort ein himmlisch schönes Rezital, Ivo Pogorelich ebenso, der für den erkrankten Arcadi Volodos eingesprungen war, und die Tonkünstler spielten mit Heinrich Schiff die Uraufführung eines Largo für Cello und Orchester des ersten Composers in Residence, Krzysztof Penderecki. Zahlreiche Préludes, Einführungsvorträge und viele weitere Veranstaltungen gingen seit der Festivaleröffnung 2007 über die Bühne der Reitschule. Doch irgendwann kam der Punkt, an dem eine Generalsanierung des Gebäudes unumgänglich wurde. 

Sie kennen das: Für die ganz große Variante ist keine Zeit, oder man traut sich aus anderen Gründen nicht drüber, also wird eine praktikable Notlösung zum Istzustand. Genau das ist in Grafenegg in den späten 1970er Jahren mit der Reitschule passiert. Eigentlich sollte das Gebäude nie so aussehen, wie es für viele und auch mich bis 2024 ausgesehen hat: charmant, aber irgendwie zusammengestaucht. Ich empfand das Gebäude immer als seltsam niedrig, als ob das Dach falsch wäre. Was es auch wirklich war, weil das eigentliche Dach im Zweiten Weltkrieg kaputt gegangen war. 

Mit der nun erneut nötig gewordenen Sanierung erinnerten wir uns in Grafenegg auch an die eigenen Anfänge. Ja, anderswo auf der Welt hätte man sich zu Beginn eines großen Festivals im Jahr 2007 erst mit einem Provisorium beholfen, anstatt gleich eine Freiluftbühne – und wenig später einen akustisch ebenfalls herausragenden Konzertsaal zu bauen, denn erst das Auditorium machte den Spielort ab dem Sommer 2008 wirklich wetterfit und obendrein ganzjahrestauglich. Aber zurück zur Reitschule: Die dringende Sanierung rückte also näher, und wir entschieden, uns nicht mit unzähligen Einzelausbesserungen aus der Affäre zu ziehen, sondern für die große Lösung, die das Gebäude von Grund auf fit für die Zukunft machen sollte. Das bedeutete auch: die ursprüngliche Gebäudehöhe aufzustocken und dem Dach nach Jahrzehnten wieder seine eigentlich geplante und beim Bau 1841 bis 1845 auch ausgeführte Form zu geben. Sie ist auf alten Bildern festgehalten. Als ich das erste Mal eines dieser alten Fotos sah, mit der Reitschule im Originalzustand, konnte ich es kaum fassen, wie viel stimmiger das Gebäude einst gewirkt haben muss. 

Mit der äußeren Renovierung einher ging nun auch eine Modernisierung der kompletten technischen Anlage, inklusive einer Unterkellerung des Gebäudes. Und ja, das kostet. Aber wie das mit Investitionen oft so ist: Sie lohnen sich. In Teilen unmittelbar, in anderen Aspekten auf längere Sicht.

Die Generalsanierung der Reitschule löste so ganz nebenbei auch ein Problem, das vielen vielleicht nur manchmal als leise Unbequemlichkeit aufstieß: das bei großem Andrang arg beengte Foyer des Auditoriums. Und: Durch die Anhebung der Reitschule auf die Ursprungshöhe gelang es, ein komplettes Stockwerk zu gewinnen, in dem jetzt der Rudolf Buchbinder Saal beheimatet ist. Darunter eröffnet sich nun ein weites Foyer, das direkt mit dem Auditoriumsfoyer verbunden ist und den Raum entscheidend erweitert: Ab sofort gibt es auch bei vollem Haus genug Platz. 

Architektur im Fokus

Der Rückbau der Reitschule in die historisch korrekte Form ist vor allem auch ein Triumph der Architektur, mit der Wiederauferstehung des historischen Zustands und damit einer echten Renovierung des Gesamtensembles. Die Architekten Maurer & Partner haben gemeinsam mit vielen Partnerbetrieben ganze Arbeit geleistet, unzählige Gewerke bevölkerten über viele Monate das Gelände – Maurer, Installateure, Dachdecker, Spengler, Maler, Bodenleger, Zimmerleute und Tischler, um nur einige wenige zu nennen. Aber Grafenegg wäre nicht Grafenegg, käme mit der Wiederrichtung eines historischen Gebäudes nicht auch ein moderner Kontrapunkt mit in die Gleichung. Zu diesen zeitgenössischen Akzenten gehören auch die im Park verstreuten Kunstwerke, Stichwort: «Kunst im öffentlichen Raum», mit dem neuesten Zugang schräg gegenüber der Reitschule, dem «Wolldach» der Künstlerin Folke Köbberling. Aufmerksamen Gästen mag der neue, moderne Anbau an der Westseite der Reitschule, zum Meierhof hin, auffallen, der nun unter anderem Bühnentechnik, Tontechnik und Künstlergarderoben einen Platz bietet, aber auch das Catering effizienter gestaltet und das Hin und Her bei Veranstaltungen aller Art künftig spürbar vereinfachen wird.

Konzise künstlerische Leitung

Wie wird ein Festival erfolgreich? Nur durch vertrauensvolle, exzellente Zusammenarbeit zahlreicher Menschen auf, vor und hinter den diversen Bühnen. Um dieses komplexe Teamwork möglichst zielführend zu gestalten, braucht es klare Vorgaben. Ich erinnere mich noch gut an die Pressekonferenz, der ich 2006 als Journalist beiwohnen durfte und bei der das erste Grafenegg Festival vorgestellt wurde. Rudolf Buchbinder hat damals als künstlerischer Leiter seine Vision eines Klassikfestivals aus Sicht des internationalen Spitzenkünstlers in etwa so formuliert: Die Stars der Klassikwelt sollen nach Grafenegg kommen und hier jene Musik spielen, die ihnen selbst besonders am Herzen liegt – und damit auch die Herzen der Menschen im Publikum bestmöglich erreichen. 

Rudolf Buchbinder
© Video © Sohot - Burning for Art

Diese schlichte Ausgangslage hat den Künstler:innen die größtmögliche Freiheit erlaubt. So konnte sich die Musik in Grafenegg über zwei Jahrzehnte zu einer großen Vielfalt ausweiten, die konsequenterweise auch alle Aktivitäten am Standort deutlich verdichtet hat. Diese eindeutige künstlerische Devise ist im Grunde dafür mitverantwortlich, dass die große Lösung beim Umbau der Reitschule überhaupt erst in Erwägung gezogen werden konnte. Denn ohne einen gefestigten Standort und internationale Strahlkraft hätten weder das Land Niederösterreich noch die Grafenegg Kulturbetriebsges.m.b.H. oder der Dachbetrieb, die Niederösterreich Kultur, daran gedacht, den Ausbau in dieser Größenordnung zu vollziehen. 

Mit einer klaren künstlerischen Leitung ergeben sich auch vielfältige künstlerische Ausprägungen, denen der auf dem neusten Stand der Technik ausgerüstete Saal nun auch gewachsen ist. Denn was bisher nur unter viel Aufwand zu erreichen und trotzdem nicht auf dem höchstmöglichen Level möglich war, ist im Rudolf Buchbinder Saal Realität – von Multimediaprojekten bis zur Filmvorführung und Videoübertragungen. Man muss aber gar nicht auf große technische Innovationen schielen, allein, dass hier nun die Kammermusik, das Solorezital und das Lied einen intimeren Rahmen haben, lässt die Herzen der Musizierenden und der Musikbegeisterten höherschlagen. Das einzelne Instrument oder das kleine Ensemble sind der Kern des großen Orchesters. Nun hat auch dieser Kern der Musik in Grafenegg mit dem Rudolf Buchbinder Saal eine akustisch hervorragende Heimat.

Dass Einführungsvorträge und Künstlergespräche ab dem Sommer 2026 in einem freundlicheren Ambiente mit Parkblick stattfinden können und auch hier im Gegensatz zur Alten Reitschule die deutlich verbesserte Raumakustik es ermöglicht, den Gedanken der Vortragenden besser zu folgen, ist ebenfalls auf der Habenseite des renovierten Gebäudes und damit des Rudolf Buchbinder Saals zu verbuchen. 

Apropos Raumakustik: Die hervorragende Klangarchitektur im neuen Saal verantwortet das auf der ganzen Welt wirkende Münchner Ingenieurbüro Müller-BBM Building Solutions, das Grafenegg bereits beim Bau des Wolkenturms und des Auditoriums tatkräftig beraten und unterstützt hat. Im April 2026 schließlich prüften Firmengründer Karlheinz Müller und der Firmenchef Michael Wahl bei umfangreichen Akustikproben den Rudolf Buchbinder Saal auf Herz und Nieren. Es waren auch die ersten Gelegenheiten für uns alle, die wir am Gelingen Grafeneggs hinter – und manchmal auch auf der Bühne – mitarbeiten, Live-Musik im Saal zu erleben. 

Rendering Rudolf Buchbinder Hall
Rendering Rudolf Buchbinder Hall © Maurer & Partner ZT GmbH

Drei hervorragende Bühnen

Im Sommer 2025 ging es Ihnen und mir sicher ähnlich: Baustellen haben ihren Reiz, gewiss, weil etwas Neues entsteht und man sich darauf freuen kann. Dennoch fühlte es sich beinahe befreiend an, als ich eines Morgens im August 2025 mit dem Rad vom Bahnhof Grafenwörth nach Grafenegg radelte und der allgegenwärtige Baukran weg war. Der freie Blick in alle Himmelsrichtungen, mit Wolkenturm, dem stets minutiös gepflegten Landschaftsgarten mit den eindrucksvollen Bäumen, Reitschule, Auditorium, den schönen alten Gebäuden allenthalben, dem Grafenegg Restaurant, der Weinlounge: All das gehört zum besonderen Flair in Grafenegg. Inzwischen ist sogar der neue Vorplatz der Reitschule fertig, und erst jetzt entfaltet das Gebäude gegenüber dem Wolkenturm und vor dem Auditorium seine volle Pracht.

Ab dem Sommer 2026 verfügt Grafenegg über alle erdenklichen Möglichkeiten zur bestmöglichen künstlerischen Entfaltung: gleich drei herausragende Spielstätten, den Wolkenturm, den großen Konzertsaal Auditorium und den Rudolf Buchbinder Saal – ein idealer Raum für Freiluftkonzerte mitten im Schlosspark, ein hochwertiger Konzertsaal für symphonische Musik im geschlossenen Raum, und jetzt auch ein erstklassiger Kammermusiksaal für die gerade an intimeren Momenten so überreiche Musikgeschichte. Was das konkret bedeutet, das können wir alle im Sommer 2026 herausfinden: große Chor-Orchesterwerke und konzertante Oper am Wolkenturm, zeitgenössische Musik sowie Lieder und Arien im Auditorium – und im Rudolf Buchbinder Saal ein inszenierter Liedernachmittag mit der Mezzosopranistin Joyce DiDonato, ein Solorezital mit dem französischen Pianisten Alexandre Kantorow, ein Kammerkonzert mit dem Cellisten Gautier Capuçon und seinem Ensemble Capucelli, ein Duoabend mit dem Geiger Sergei Dogadin und dem Pianisten Daniil Trifonov sowie Préludes, Late Night Sessions und Vorträge … alle weiteren Details finden Sie auf unserer Website. Grafenegg hat damit einen neuen Gipfel innerhalb der internationalen Festivallandschaft erklommen. 

Rudolf Buchbinder
Rudolf Buchbinder © Julia Wesely

Das Musikland Österreich

Die wichtigste Investition in den Standort seit der Errichtung des Auditoriums 2007/08 kann sich sowohl von innen als auch von außen sehen lassen. Der Bau eines neuen Konzertsaals ist ein Triumph sowohl der niederösterreichischen Kulturpolitik als auch des Musiklandes Österreich. Die verantwortliche Landespolitik, mit Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner an der Spitze, weiß und vertraut gleichzeitig auch darauf, dass Investitionen in Kultur, in die reiche Musiktradition und in die Zukunft des Kulturlandes uns allen nützen. Und: Sie sind auch ein Zeichen für Humanismus und ein Plädoyer für Kultur im Umgang miteinander. 

Die Reitschule und der Rudolf Buchbinder Saal bieten selbstredend auch kleineren oder größeren Firmen neue Möglichkeiten, die sich für Seminare, Feiern oder sonstige Veranstaltungen einmieten, nicht zuletzt durch modernste Veranstaltungstechnik und erstklassige Cateringräume. Dass auch damit langfristig Wertschöpfung generiert wird, die letztendlich allen Besucher:innen in Grafenegg nützt, versteht sich, ganz am Rande, von selbst.

Die Verbindung von Alt und Neu – der neue Saal im alten Gebäude – spiegelt auch die Musik in Grafenegg und die Innovationsprogramme, wo das Alte das Neue umarmt und dadurch zur vollen Entfaltung seines Potenzials inspirieren kann. Grafenegg hat mit der Revitalisierung der Reitschule und der Errichtung des Rudolf Buchbinder Saals Maßstäbe gesetzt und seinem Mitbegründer und langjährigen künstlerischen Leiter Rudolf Buchbinder ein würdiges Denkmal errichtet.

Markus Hennerfeind

Der Autor berichtete von 2007 bis 2009 als Journalist aus Grafenegg, arbeitete in der Folge freiberuflich an den Konzertprogrammheften mit und wechselte 2024 als Dramaturg nach Grafenegg.

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