Riccardo Muti im Gespräch
Festival-Finale 2026Veröffentlicht: 21/08/2026
Maestro, Sie geben Ihr Debüt beim Grafenegg Festival …
Es ist nie zu spät!
… mit einem besonderen Programm.
Cimarosa, Mozart, Verdi – und auch Martucci. Im Zentrum steht Mozart, das d-Moll-Klavierkonzert – mit Rudolf Buchbinder, meinem Freund, dem wunderbaren Pianisten und Musiker. Aber dann stellte sich die Frage: Was kann vor Mozart kommen? Meine Antwort war: die Neapolitanische Schule. Denn als Mozart seine erste Italienreise unternahm, gelangte er nach Mailand, Turin, Verona, Bologna, Rom und so weiter – aber Neapel konnte er kaum erwarten, denn er wollte die Meister der Neapolitanischen Schule kennenlernen, Cimarosa, Paisiello, Jommelli, und hoffte, dass sie sein Talent anerkennen würden. Jommelli schrieb damals gerade an der letzten Fassung seiner Oper «Demofoonte», die habe ich unter anderem auch bei den Pfingstfestspielen in Salzburg dirigiert. Auch Mozart hat übrigens aus dem sehr populären Metastasio-Libretto zu «Demofoonte» verschiedene Arien vertont. Später hat er seinem Vater einmal geschrieben, er wolle eine Oper für Neapel komponieren: «man macht sich dadurch mehr Ehre und Credit als wenn man 100 Concert im teütschland giebt»! Aber er hat auch hinzugefügt: «es ist wahr, man bekömmt nicht viell». (lacht) Also so kam ich auf Cimarosa und auf «Il matrimonio segreto».
Weil Cimarosa das Werk für Wien geschrieben hat?
Richtig, dadurch gibt es eine kulturelle Verbindung – zusätzlich zur Tatsache, dass das eine großartige Ouvertüre ist. Und am Ende steht natürlich Verdi, mein geliebter Verdi. Seine «Vier Jahreszeiten», das große Ballett aus «I vespri siciliani», ist die wichtigste rein symphonische Musik aus seiner Feder. In den meisten Fällen wird diese Ballettmusik bei Aufführungen der Oper gestrichen – ein großer Fehler. Aber mit wenigen Ausnahmen sind die Dirigenten heute die Sklaven der Regisseure, und die sagen in den meisten Fällen, das Ballett sei nicht notwendig. Aber das ist falsch: Es gehörte unbedingt zur Grand Opéra, und «I vespri siciliani», in Paris als «Vêpres siciliennes» uraufgeführt, ist eine Grand Opéra. Sogar für eine Aufführung in Brüssel war Verdi gezwungen, ein Ballett in «Nabucco» einzufügen, das er im Rossini-Stil geschrieben hatte und selber nicht mochte. Man sollte es also nicht aufführen. Das «Jahreszeiten»-Ballett hingegen ist bedeutender Verdi – und für das Orchester ziemlich herausfordernd. Die Pariser Musiker stöhnten damals und nannten Verdi frech «Merdi»! Unser Orchester kann aber damit glänzen.
Und davor noch Giuseppe Martucci, sein prächtiges Notturno op. 70/1, das Sie unlängst mit The Philharmonic Brass aufgenommen haben.
Martucci war ein bedeutender, großer Musiker, hervorragend als Pianist, als Komponist und als Dirigent. Seine Lebensgeschichte ist wichtig für die italienische Musik und für Italien im Allgemeinen. Denn Martucci war der erste, der in Neapel einen kompletten Zyklus der Beethoven-Symphonien aufgeführt hat, und er war auch der erste, der in Italien «Tristan und Isolde» dirigiert hat, in Bologna, wo er das Theater wie auch das Konservatorium geleitet hat – zu dieser Zeit hat Ottorino Respighi dort studiert. Und dann steht Martuccis Leben mit dem von Arturo Toscanini in Verbindung. Als Toscanini 1931, da wäre Martucci 75 Jahre alt geworden, in Bologna ein Gedenkkonzert mit Martuccis Musik vorbereitet hat, wurde er schon auf dem Weg zur Probe von einer Gruppe von Faschisten aufgehalten, die ihn bedrängten, vor dem Konzert die Hymne der Faschisten zu dirigieren. Kennen Sie die?
Nein.
(singt in parodistischem Tonfall) «Giovinezza, giovinezza, primavera di bellezza …» (verdreht die Augen) Toscanini lehnte kategorisch ab, und nach langem Hin und Her boykottierten die faschistischen Politiker die Veranstaltung. Als Toscanini wegen der Verhandlungen verspätet zum Konzert kam, wurde er beim Aussteigen aus dem Auto von Faschisten attackiert und verprügelt. Sein Fahrer hat ihn gerettet und ins Hotel zurückgebracht, wo er sich verbarrikadiert hat, während die Faschisten ihnen gefolgt sind und dann nicht einmal einen Arzt zu Toscanini vorließen. Ein Freund mit guten Beziehungen zu Mussolini hat dann dafür gesorgt, dass Toscanini seinen Pass bekam. Er ging in die USA. Wenn ich mich richtig erinnere, dann hängt im Teatro Comunale di Bologna noch heute ein Plakat im Andenken an dieses Martucci-Konzert, das Toscanini nicht dirigiert hat.
Sie haben auch schon früher Werke von Martucci dirigiert und aufgenommen, nicht wahr?
Ja, zum Beispiel das B-Dur-Klavierkonzert, das in Russland uraufgeführt worden ist, dirigiert von Anton Rubinstein, die italienische Aufführung war an der Scala unter Toscanini mit Martucci am Klavier. Brahms hat den jungen Martucci als großes Talent gepriesen – und Martucci liebte Brahms’ Musik, man hört es an seinen Symphonien und Klavierkonzerten, die stilistisch sehr nah an Brahms sind. Ich habe auch ein anderes wunderbares Werk von ihm aufgenommen, mit Mirella Freni, das ich gerne wieder einmal aufführen möchte, «La canzone dei ricordi», ein wunderschöner, poetischer Zyklus von Orchesterliedern.
Das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini haben Sie 2004 gegründet …
Kaum zu glauben, dass es nun schon mehr als 20 Jahre alt ist. Wenn ich dort und da dirigiere, auch außerhalb Italiens, und junge Musikerinnen und Musiker treffe, die seinerzeit bei uns sich ihre ersten Sporen verdient haben, oder auch einfach höre, wohin sie ihren jeweiligen Weg machen konnten, dann habe ich das Gefühl, dass zumindest irgendetwas von dem, was ich in meinem Leben getan habe, nicht umsonst war. Zum Beispiel hat ein Erster Flötist der Bayerischen Staatsoper bei uns begonnen. In einigen Orchestern gibt es sogar ganze Gruppen von Leuten aus dem Cherubini-Jugendorchester, die auf dieser Basis ihre Probespiele gewonnen haben. Man merkt aber auch, dass sie eine bestimmte ethische Einstellung mitbekommen haben – und ich erinnere immer alle daran, sich dieses Ideal unbedingt zu erhalten. Denn es ist gar nicht so leicht, sich in einem Orchester über Jahrzehnte hinweg den Enthusiasmus zu bewahren – und sich gegen den Einfluss jener zu wehren, für die alles nur Routine und ein Job ist. Wir müssen wissen, dass wir nicht für uns spielen, sondern für das Publikum, dass wir es durch die Musik und die Botschaft der großen Komponisten bereichern wollen. Ich war immer ein Idealist – und im Alter wird das noch stärker. Das ist auch nötig, wenn wir auf unsere Welt schauen.
Das Interview führte Walter Weidringer
Orchestra Giovanile Luigi Cherubini
Riccardo MutiOrchestra Giovanile Luigi Cherubini · Riccardo Muti · Rudolf Buchbinder
CIMAROSA / MOZART / MARTUCCI / VERDI