Grafenegg rund ums Jahr
Die Musik hat immer SaisonVeröffentlicht: 29/09/2026
Das Grafenegg Festival ist wie ein Wirbelwind an Eindrücken: Das Kommen und Gehen der renommiertesten Orchester am Wolkenturm, lange Festivaltage zwischen Matinee, Nachmittagskonzert und Abendkonzert und zum Abschluss endlose Sonnenuntergänge und laue Sommernächte im Park. Wenn der lebhafte Trubel der Festivalwochen im September verklingt, fällt Grafenegg aber keineswegs in Dornröschenschlaf – jetzt beginnt nämlich die Saison der Jahreszeitenklänge. Die vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich und zahlreichen renommierten Gastkünstler:innen gestaltete Konzertreihe beginnt im September 2026 und begleitet den Lauf der Jahreszeiten bis Juni 2027.
Goldene Herbstharmonien
Ein märchenhaftes Programm eröffnet die Spielzeit im herbstlichen Grafenegg: Auf in ein «fernes, altes Wunderland», wie es in Maurice Ravels kleinem Liederzyklus «Shéhérazade» heißt, auf in jenes Wunderland, von dem die Ammen einst den Kindern erzählten! Märchen, Mythen und Sagen werden zu einem spannenden Bilderbogen in diesem in doppeltem Sinne fantastischen Programm, in dem Tonkünstler-Chefdirigent Fabien Gabel Gustav Mahlers Fin-de-Siècle-Stimmung mit dem französischen Impressionismus kombiniert. Die gruselige frühe Kantate «Das klagende Lied», in der die Klangsprache des kaum 20-jährigen Mahler bereits in schier unglaublicher Weise ausgereift ist, trifft dabei auf Ravels fernöstlich inspirierten Zauber sowie feinsinnig-opulente Klänge aus Claude Debussys Oper «Pelléas et Mélisande».
Wenn der Herbst den Schlosspark in warme Gold- und Rottöne taucht, zeigt sich Grafenegg besonders stimmungsvoll. Romantisch geht es am 24. Oktober weiter, mit einem Grafenegg-Debüt der kolumbianischen Dirigentin Ana Maria Patiño-Osorio: Pracht und Leidenschaft, zärtliche Poesie und mitreißender Schwung bestimmen dieses Programm mit einigen der populärsten Werke des großen Romantikers Robert Schumann. Die «Rheinische» Symphonie entstand innerhalb kürzester, glücklicher Zeit und balanciert auf dem Höhepunkt von Schumanns Meisterschaft Frohsinn und Nachdenklichkeit perfekt aus. Das Klavierkonzert a-Moll hingegen ist das klingende Dokument seiner Liebe zur Klaviervirtuosin Clara Wieck – und des Kampfes der beiden, heiraten zu dürfen. Die Uraufführung fand schon mit ihr als Solistin und zugleich Ehefrau Schumanns statt. Der 1955 in Sibirien geborene, vielfach preisgekrönte und in Basel lebende Pianist Sergey Tanin stellt sich mit diesem Werk in Grafenegg vor.
Festlicher Winterzauber
Wenn die Tage kürzer und die Dunkelheit dichter wird, beginnt auch schon die Vorweihnachtszeit, die mit dem Grafenegg Advent einen besonders beliebten Fixpunkt im Jahr bringt. Warme Lichter, traditionelles Handwerk, kulinarische Köstlichkeiten und ein abwechslungsreiches Familienprogramm machen den Besuch zu einem besonderen Erlebnis. Den musikalischen Höhepunkt des Advents in Grafenegg bildet das traditionelle Weihnachtskonzert, das diesmal am 5. und 6. Dezember, stattfindet. «Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage»: Der Beginn von Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium gilt seit Generationen als musikalisches Synonym für die Feier von Jesu Geburt. Die Erzählung der Weihnachtsgeschichte aus dem Munde des Evangelisten, angereichert um festliche Chöre, andächtige Choräle und ausdrucksstarke Arien, erfreut uns längst auch im Konzertsaal. Unter der Leitung Giovanni Antoninis zusammen mit dem Arnold Schoenberg Chor und einem handverlesenen Soloensemble präsentieren die seit vielen Jahren Barock-erprobten Tonkünstler die Kantaten I bis III als ideale Einstimmung auf eine ebenso besinnliche wie freudenvolle Weihnachtszeit.
Und auch der erwartungsfrohe Jahreswechsel wird mit traumhafter Musik begleitet:
Die bunte, klug austarierte Mischung von Werken der Strauss-Dynastie und populärer Klassik aus aller Welt, garniert mit manch hinreißender Arie aus Oper und Operette, sind längst zum Markenzeichen der Tonkünstler rund um Silvester und Neujahr geworden. Mit Dirigent Sascha Goetzel und Sopranistin Sophie Mitterhuber ist der Konzertabend in Grafenegg ein perfekter Abschluss für das vergangene und ein beschwingter Auftakt für das neue Jahr!
Um die letzten dunklen Wintertage zu überbrücken, wenn die Sonne früh untergeht und die Zeitumstellung noch auf sich warten lässt, bietet sich das Abendkonzert am 13. Februar an: Mit seiner relativ spät komponierten Symphonie Nr. 1, geschult am Lehrer Joseph Haydn und ihn doch zum Teil frech überbietend, hat Ludwig van Beethoven einst seinen ersten Pflock in die Musikgeschichte eingeschlagen. Nicht zuletzt, um später etwa mit der Musik zu Johann Wolfgang von Goethes Trauerspiel «Egmont» auch politisch Farbe zu bekennen im Kampf gegen jede Form der Unterdrückung. Frei von den Dogmen der Avantgarde ist auch die schillernde Musik des finnischen Komponisten Magnus Lindberg: Sein intimes und dennoch betörendes Violakonzert, gewidmet dem Solisten Lawrence Power, hebt die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf. Zeitlose Größe vermittelt auch Tonkünstler-Ehrendirigent Yutaka Sado, der für diesen Konzertabend nach Grafenegg zurückkehrt.
Zarte Frühlingsklänge
Am Karfreitag 1727 stimmte in der Thomaskirche zu Leipzig der Chor «Kommt, ihr Töchter, helft mir Klagen» an. So begann die Uraufführung von Johann Sebastian Bachs monumentaler Matthäus-Passion, seiner Vertonung der Leidensgeschichte Jesu nach dem Evangelisten Matthäus. Es scheint unglaublich, dass eines der größten Werke des christlichen Abendlandes in den 100 Jahren danach so gut wie vergessen wurde. Erst Felix Mendelssohn Bartholdy stieß 1829 eine Renaissance dieser Passion an. Seither ist die Bewunderung ungebrochen. 300 Jahre nach der Uraufführung erfüllen der Konzertchor Interpunkt und die Tonkünstler unter Leitung von Reinhard Goebel dieses klingende Seelengemälde mit neuem Leben.
Mit einer Parkführung für Abonnent:innen gibt es am 17. April die perfekte Möglichkeit, die ersten Frühlingsbot:innen im Park zu entdecken und die ersten Sonnenstrahlen zu genießen, bevor das Abendkonzert mit zwei spannenden Werken aufwartet: Sind es erklärte «Helden», die in diesen beiden mitreißenden Werken existenzielle Kämpfe auszustehen haben? Oder doch eher Menschen wie du und ich, die immerhin ernste Lebenskrisen überwinden können? Es fällt jedenfalls schwer, in der packenden Dramatik von Ludwig van Beethovens c-Moll-Klavierkonzert nicht zumindest teilweise einen künstlerischen Widerhall seines fortschreitenden Gehörverlusts wahrzunehmen. Und auch wenn sich Dmitri Schostakowitschs Zehnte nach Beethovens Vorbild aus Nacht zum Licht entwickelt: Erzählt wird hier weniger die Geschichte eines glänzenden Triumphs, sondern eher vom unfassbaren Glück eines Komponisten, der die Schrecken des Stalinismus halbwegs ungeschoren hatte überstehen können. Keine Frage, der junge portugiesische Dirigent Nuno Coelho und der französische Pianist Cédric Tiberghien haben sich kapitale Werke für ihre erste Zusammenarbeit mit den Tonkünstlern und ihr Grafenegg-Debüt ausgesucht: ein spannender Abend ist garantiert.
«Ein feste Burg ist unser Gott»: Die Worte stammen von Martin Luther persönlich, die Melodie von seinem musikalischen Mitstreiter Johann Walter, den weit verbreiteten Satz hat später Johann Sebastian Bach besorgt. Das Lied besitzt enorme Symbolkraft für die Reformation und den protestantischen Glauben. 1830 wurde die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis, 300 Jahre alt. Aus diesem Anlass schrieb Felix Mendelssohn seine chronologisch zweite, aber erst posthum als Nummer fünf veröffentlichte Symphonie. In dieser zitiert er nicht nur den genannten Choral, sondern auch das sogenannte «Dresdner Amen», eine Kadenzformel der Kirchenmusik, die Richard Wagner später in seinem «Parsifal» als Gralsmotiv verwendet. Unerschütterlich geglaubt hat Mendelssohn freilich vor allem an Bach: Dessen großes sechsstimmiges Ricercar, eine kunstvolle Fuge aus dem «Musikalischen Opfer» in der Instrumentierung Anton Weberns, bildet im Konzept des Dirigenten Tomáš Netopil zusammen mit der «Reformationssymphonie» den Rahmen für Dmitri Schostakowitschs zweites Violinkonzert. Auch damals, 1967, wird ein großes Jubiläum gefeiert: der 50. Jahrestag der Oktoberrevolution. Debütant Fedor Rudin übernimmt den Solopart in diesem großartig verinnerlichten Werk, dem klingenden Dokument einer Verweigerung.
Sommerliche Zugabe
mit Kammermusik & SommernachtsgalaZur Einstimmung auf den Sommer findet alljährlich auch die European Chamber Music Academy (ECMA) statt. Eine Woche lang finden sich die Ensembles Anfang Juni in Grafenegg zusammen, um an bekannten und unbekannten Werken des Repertoires zu feilen. Die ECMA ist nicht nur die führende Talentschmiede für die besten Nachwuchsensembles, sondern auch das beste Beispiel dafür, wie lebendig und aufregend Kammermusik sein kann. Mit einem Abendkonzert am 5.6. und einer Matinee am 6.6. wird die ECMA-Woche beendet, und damit steht auch schon wieder der Beginn der Sommersaison ins Haus, die mit der Sommernachtsgala am Wolkenturm eröffnet wird.
Auch 2027 präsentiert das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich ein abwechslungsreiches, buntes Programm mit symphonischen Preziosen sowie berühmten Arien und Duetten. Am Pult steht zum dritten Mal Tonkünstler-Chefdirigent Fabien Gabel, mit dabei: drei Weltstars aus Oper und Konzert. Der französische Tenor Benjamin Bernheim zählt dank schlackenloser Gesangstechnik und makelloser Phrasierungskunst zu den absoluten Meistern seiner Zunft. Der ebenfalls aus Frankreich stammende Ludovic Tézier etablierte sich als einer der führenden Baritone unserer Zeit und gastiert mit einem Repertoire von Rossini über Verdi bis Wagner auf den großen Bühnen der Welt. Durch ihre interpretatorische Reife, außerordentliche Musikalität und unverwechselbaren Violinton bewies die in Oslo geborene Geigerin Vilde Frang schon früh ihren Ausnahmerang. Die von Teresa Vogl klug und charmant präsentierte Sommernachtsgala verheißt einen märchenhaften Start in die Sommersaison.
Schumann Pur
Tonkunstler Orchestra · Ana Maria Patiño-Osorio · Sergey Tanin
SCHUMANN
Weihnachtsoratorium
Tonkunstler Orchestra · Giovanni Antonini · Nikola Hillebrand · Patricia Nolz · Patrick Grahl · Andrè Schuen · Arnold Schoenberg Chor
BACH
Weihnachtsoratorium
Tonkunstler Orchestra · Giovanni Antonini · Nikola Hillebrand · Patricia Nolz · Patrick Grahl · Andrè Schuen · Arnold Schoenberg Chor
BACH
Silvesterkonzert
Tonkunstler Orchestra · Sascha Goetzel · Sophie Mitterhuber
PROGRAMME AT THE TURN OF THE YEAR
Beethoven 1
Tonkunstler Orchestra · Yutaka Sado · Lawrence Power
BEETHOVEN / LINDBERG
Matthäus-Passion
Tonkunstler Orchestra · Reinhard Goebel · Elisabeth Breuer · Olivia Vermeulen · Daniel Johannsen · Benjamin Appl · Rafael Fingerlos · Konzertchor Interpunkt
BACH
Beethoven & Schostakowitsch
Tonkunstler Orchestra · Nuno Coelho · Cédric Tiberghien
BEETHOVEN / SCHOSTAKOWITSCH
Reformationssymphonie
Tonkunstler Orchestra · Tomáš Netopil · Fedor Rudin
BACH / SCHOSTAKOWITSCH / MENDELSSOHN BARTHOLDY
Erlebnis Kammermusik
Best-OfEnsembles der European Chamber Music Academy · Harald Haslmayr
SELECTED CHAMBER MUSIC
Erlebnis Kammermusik
MatineeEnsembles der European Chamber Music Academy · Harald Haslmayr
SELECTED CHAMBER MUSIC