Abendkonzert am Wolkenturm.

Festivalwochenende 1

14/08 – 16/08/2026

Wolkenturm © Lisa Edi
Wo der Sommer klingt, wie kein anderer

– seit 20 Jahren

Rudolf Buchbinder eröffnet das 20. Grafenegg Festival mit Musik seines Lebenskomponisten: Ludwig van Beethovens «Chorfantasie» beginnt mit einem dramatischen Klaviersolo in düsterem c-Moll, das bei der Uraufführung während einer legendären Akademie im Theater an der Wien am 22. Dezember 1808 einst Beethoven persönlich spielte. Das ungewöhnliche und einzigartige Werk bleibt aber keine Klavierfantasie, es schleicht sich auf leisen Sohlen das Orchester dazu – an diesem denkwürdigen Abend das aus London angereiste Philharmonia Orchestra unter Cristian Măcelaru. Zuletzt setzt der Wiener Singverein zart mit den Worten «Schmeichelnd hold und lieblich klingen unsers Lebens Harmonien» ein: Gemeinsam steigern sie sich zum hymnischen Schluss. Beethoven spannte in der Chorfantasie Klavier, Soli und Chor zusammen, weil er seinerzeit einen krönenden Abschluss für seine große Akademie brauchte und er alle Beteiligten zusammenbringen wollte: Glücksfall einer spontanen Eingebung. Ein anderer Glücksfall ereignete sich im Jahr 1935, als der deutsche Komponist und Musikwissenschaftler Carl Orff in einer Bibliothek auf ein spannendes Konvolut lateinischer Verse stieß. Er wählte 25 der rund 250 Texte aus – mittelalterliche Vagantengedichte mit geistlichen Schauspielen, moralisch-satirische Versdichtungen sowie derbe Trink- und Liebeslieder. Daraus schuf er die «Carmina Burana», auf Deutsch «Beurer Lieder», eines der berühmtesten Werke der Musikgeschichte, dessen Wirkung bis heute ungebrochen ist und in dem das pralle Leben auf unnachahmliche Weise üppig gefeiert wird. Gleich mit vollen Segeln im Fortissimo heben seine «Carmina Burana» an, die Orff in unmittelbar mitreißende, archaisch-monumentale Klänge gegossen hat. 

Während die «Carmina Burana» eine bald 90-jährige Interpretationsgeschichte mit unzähligen Aufführungen weltweit sowie zahlreichen Einspielungen aufweisen, steht im Mittelpunkt des ersten der vier Nachmittagskonzerte im Rudolf Buchbinder Saal ein junges Werk, das auf der Lyrik von Emily Dickinson basiert. Pulitzer-Preisträger Kevin Puts hat aus dem Werk der Dichterin, die zu den außergewöhnlichsten Literatinnen zählt, in enger künstlerischer Zusammenarbeit mit der gefeierten Mezzosopranistin Joyce DiDonato und dem mehrfach ausgezeichneten Ensemble Time for Three einen Liederzyklus geschaffen, der 24 Gedichte in Musik fasst. Jedes dieser Gedichte, so Joyce DiDonato, eröffne «einen eigenen Kosmos», mit dem titelgebenden knappen Gedicht zum Schluss: «No Prisoner be – / Where Liberty – / Himself – abide with Thee – (Keiner sei in Haft – / Wo sich Freiheit – / Dir zum Hausgenossen macht –)».

Emily Dickinson (1830 – 1886) schuf ihre literarischen Welten zu Hause, in ihrem Zimmer in Amherst in Massachusetts. Sie reiste nicht, verließ, soweit bekannt, sogar ihren Heimatort niemals. Anerkennung für ihr Werk fand sie zu ihren Lebzeiten nicht, und als sie mit 56 Jahren starb, sollte ihr kompletter Nachlass eigentlich verbrannt werden. Doch ihre Schwester erkannte rasch, was Emily hier hinterlassen hatte, und widersetzte sich ihren letzten Wünschen: So rettete sie für die Nachwelt knapp 1.800 Gedichte – ein beinahe unerschöpflicher Schatz, der nicht zuletzt immer wieder Komponist:innen zu Vertonungen anregt. Am berühmtesten ist heute der Zyklus «Twelve Poems by Emily Dickinson» von Aaron Copland. «No Prisoner be» von Kevin Puts, uraufgeführt bei den Bregenzer Festspielen 2025, ist eine der jüngsten Auseinandersetzungen mit Dickinson, die am 15. August 2026 nun auch in Grafenegg zu erleben sein wird. 

Als großes, herrliches «Lied ohne Worte» könnte man Antonín Dvořáks h-Moll-Cellokonzert begreifen. Es zählt zu den berühmtesten Werken, für Rudolf Buchbinder ist es schlicht «das perfekte Konzert». Wer könnte ihm hier widersprechen? Auch Julia Hagen, einstige Meisterschülerin von Heinrich Schiff und mittlerweile in die erste Reihe ihrer Profession aufgestiegen, gerät sofort ins Schwärmen: «Es ist vielleicht das schönste Cellokonzert». Der Melodienreichtum Dvořáks findet an diesem Abend mit dem European Union Youth Orchestra unter der Leitung des spanischen Dirigenten Gustavo Gimeno in Anton Bruckners Sechster Symphonie einen monumentalen Widerpart. Allerdings stecken in den großen Werken Bruckners stets auch weit ausgesungene lyrische Abschnitte: Niemand schrieb schönere Adagios als Bruckner in seinen späten Symphonien, zu denen die Sechste gerade schon gezählt werden darf. Gemeinsam mit der Fünften und Siebten ist sie die einzige vollendete seiner Symphonien, die ihr Schöpfer nie überarbeitet hat. Im März 1896 besuchte Dvořák während eines Wien-Aufenthalts Bruckner in dessen Wohnung im Schloss Belvedere. Man war sich sympathisch, Bruckner war gerührt. Beim Abschied begleitete er seinen Kollegen hinaus, winkte ihm nach und warf Kusshände, bis der Wagen nicht mehr zu sehen war. Der Mystiker Bruckner und der Musikant Dvořák: Zwei höchst unterschiedliche Charaktere, verbunden in der Unsterblichkeit ihrer Musik.

In seinem Cellokonzert verarbeitete Dvořák eine berührende Melodie aus seinem Lied «Lasst mich allein» op. 82/1. Es war das Lieblingslied seiner Schwägerin und Jugendliebe, der Schauspielerin Josefina Kounicová, die 1895 während der Komposition des Konzerts verstarb. Ganz im Zeichen großer Lieder steht die Matinee am ersten Festivalwochenende, die kein Geringerer als der Tenor Piotr Beczała gemeinsam mit der französischen Liedpianistin Sarah Tysman gestaltet. Der Publikumsliebling von der Wiener Staatsoper bis zur New Yorker Met, der seit Jahrzehnten im Mittelpunkt jeder Opernaufführung steht, taucht tief ein in eine Welt, die das, was man gemeinhin als «slawische Seele» verstehen mag, am schönsten offenbart. Er verbindet die außerhalb seines Heimatlandes Polen wenig bekannten, innig-expressiven Lieder seines Landsmanns Mieczysław Karłowicz mit großen romantischen Liedern von Antonín Dvořák, Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Sergej Rachmaninow. Manche dieser stets ganz ins Herz treffenden Stücke scheinen wie geschaffen für die Opernbühne, der Beczała in drei Arien aus Tschaikowskis «Eugen Onegin», Dvořáks «Rusalka» und Stanisław Moniuszkos «Straszny Dwór» an diesem Vormittag auch seine Reverenz erweist. 

Dass man auch am Klavier singen kann, das beweist am Abend des 16. August 2026 ein junger Pianist: «Im Klavierspiel von Colin Pütz verbinden sich technische Brillanz und Ausdruckskraft mit einer berührenden Natürlichkeit», so Rudolf Buchbinder – und das nicht ohne Grund: Er selbst wählte den jungen deutschen Pianisten als Preisträger des renommierten Schweizer Klavierpreises Prix Serdang 2025 aus. Dass Pütz nun in Grafenegg debütiert, ist somit auch ein weiteres Zeichen der persönlichen Wertschätzung durch den künstlerischen Leiter. Am Programm steht Beethovens 1. Klavierkonzert, ein frühes, aber aufgrund seiner Dimensionen und Tiefe «ganz großes» Konzert, wie Buchbinder betont. Bei Tschaikowskis «Pathétique » erübrigt sich jeglicher Hinweis auf Größe und Ausdruckskraft, sie zählt schlicht zu den Meilensteinen der Musikgeschichte. Domingo Hindoyan, gefeierter Chefdirigent des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und designierter Musikdirektor der Los Angeles Opera, leitet das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich.

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