Musikerin mit Flöte.

Festivalwochenende 4

02/09 – 06/09/2026

Musikerin mit Flöte © Lisa Edi
Wo der Sommer klingt, wie kein anderer

– seit 20 Jahren

Das vierte Festivalwochenende – oder besser: die vierte Festivalwoche – beginnt am Mittwoch mit einem sensationellen späten Debüt. Doch halt, spät? In Martha Argerichs Leben gibt es kein «spät», sie wirkt zeit- und alterslos, spielt in ihren 80ern mit jenem Feuer, das sie sich ein Leben lang durch ungebrochenen Fleiß, grenzenlose Neugier und den nie versiegenden jugendlichen Elan des einstigen Wunderkinds erhalten konnte. Das verbindet sie mit Rudolf Buchbinder, die beiden kennen einander seit Wiener Studienjahren. Während sie das Glück hatten, als lebenslang befreundete Zeitgenossen füreinander stets nur Bewunderung zu hegen, plagte den jungen Johannes Brahms ein übermächtiger Geist aus der Vergangenheit: Der «Schatten Beethovens» verfolgte ihn und bremste lange seine symphonischen Pläne aus. Beethovens eigenes B-Dur-Klavierkonzert vereint hingegen, frei von jedem Zweifel, Spielwitz, Widerborstigkeit und lyrische Momente. Doch Brahms überwand den übermächtigen Ahnen und schrieb vier herrliche Symphonien. Bei seiner süffig-schwermütigen Vierten in e-Moll hatte Brahms seinen eigenen Weg längst gefunden.

Einer, der zwar auch viele Zeitgenossen und Vorbilder hatte, sich von ihnen aber nie plagen ließ, war Wolfgang Amadeus Mozart. Seine sogenannte «kleine» g-Moll-Symphonie KV 183 strahlt eine dramatische Größe aus, die selbst in seinem so vielfältigen Œuvre selten ist. Ihren minimalistischen Beinamen trägt sie nur wegen der späteren, viel berühmteren g-Moll-Schwester KV 550. Der 17-jährige Salzburger vollendete diese seine 25. Symphonie 1773. So viele Symphonien schrieb Gustav Mahler nicht: 115 Jahre nach Mozart setzte er den Schlussstrich unter seine 1. Symphonie. Sie sollte ihn auch später im Leben immer wieder beschäftigen, er überarbeitete sie, feilte an ihr, gab ihr einen Namen und strich ihn wieder aus. Doch wer wollte ihm das verdenken? Eine «ganze Welt» in Tönen errichten, das braucht Zeit. Und es wurde eine große, märchenhafte Welt: Geheimnisvoller Naturlaut, Volksliedmelodik, übersteigerte Tanzszenen und ein Finale, in dem sich Höllenschlünde aufreißen und der Himmel im Triumph den Sieg davonträgt. Zeitlebens lief der Dirigent Mahler dem Komponisten gerade noch den Rang ab, zählte er doch zu den größten Pultstars seiner Epoche. 

Mahlers Zeitgenosse Richard Strauss überlebte den vier Jahre älteren nicht nur um mehr als 30 Jahre, er wagte sich auch als Komponist auf ein Feld, das Mahler letztlich verschlossen blieb: die Oper. Nicht nur das, Strauss’ Opern wurden Welterfolge, die bis heute zu den Grundsäulen des Opernrepertoires weltweit zählen. So legendär wie die Partien sind auch die Sängerinnen, die in seine Titelrollen schlüpften. Beinahe über Nacht zum Weltstar sang und spielte sich etwa die litauische Sopranistin Asmik Grigorian als sensationelle Salome bei den Salzburger Festspielen 2018. Zu ihren jüngsten Erfolgen zählt die Titelpartie in einem anderen Repertoire, Vincenzo Bellinis «Norma» am Theater an der Wien: In so weit voneinander entferntem Repertoire gleichermaßen zu reüssieren, das vermochten stets nur die größten Künstlerinnen. In Grafenegg debütiert Asmik Grigorian mit «Casta Diva», der Auftritts-Cavatine der Norma, und der großen Schlussszene der Salome. Orchestrale Kontrapunkte zu Bellini und Strauss setzt das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter seinem Chefdirigenten Fabien Gabel – mit der Ballettmusik aus Giuseppe Verdis «Macbeth», dem kurzen, virtuosen Orchesterstück «Salomé» der französischen Komponistin Mél Bonis und mit «Fontane di Roma» von Ottorino Respighi, der den Zauber Italiens in orchestrale Pracht à la Richard Strauss kleidete.

Ein besonders hell leuchtender Stern am Klavierhimmel ist Alexandre Kantorow. Das Musizieren des französischen Pianisten wirkt gleichzeitig höchst durchdacht und erfrischend spontan, gedankenvoll und impulsiv. Dass sich in seinem Spiel obendrein eine schlackenlose Technik mit untrüglicher Stilsicherheit paart, festigt seinen Ruf als einer der großen Pianisten unserer Zeit. Mit 22 gewann er 2019 den berühmten Tschaikowski-Wettbewerb und konnte neben der Goldmedaille auch den Grand Prix für sich verbuchen, eine Auszeichnung, die in der seit 1958 ausgetragenen Geschichte des Wettbewerbs erst dreimal vergeben wurde. Das finale Nachmittagskonzert des Festivalsommers 2026 bietet dem Publikum die seltene Möglichkeit, den Ausnahmemusiker live im intimen Rahmen des Rudolf Buchbinder Saals zu erleben. Die Musik für sein Grafenegg-Debüt spiegelt das unbestechliche Künstlertum Kantorows wider: Frédéric Chopins tieftrauriges Prélude cis-Moll op.45 eröffnet einen Kosmos der großen Gefühle und philosophischen Tiefe, der nach der selten aufgeführten Sonate op. 5 von Nikolai Medtner herrlich logisch in Ludwig van Beethovens Sonate op. 111 mündet, einem der besonderen, geheimnisumwitterten Musikstücke, die Interpret:innen seit Anbeginn zu faszinierenden Deutungen inspiriert. 

Es gibt auch Musikstücke, deren Bedeutungswelt einfach in jeder Hinsicht schlichte Schönheit ist, sei es inhaltlich oder musiksprachlich. Aaron Coplands 1944 uraufgeführtes «Appalachian Spring» ist ein Klassiker amerikanischer Musik: Natur, Gemeinschaft, Liebe und Religion – mit dem Shakerlied «Simple Gifts» als Verherrlichung eines schlichten Lebens. Wenn ein Musikstück die Ideale eines gemeinschaftlichen, von wechselseitigem Respekt getragenen Lebens widerspiegelt, dann ist es dieses. Coplands Zeitgenosse Samuel Barber wurde 1963 für sein hochvirtuoses, deutlich komplexeres Klavierkonzert mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Nicht weniger als Barbers Konzert verlangt Sergej Prokofjews 3. Klavierkonzert der ganz besonderen Solistin ab, die solche und andere Aufgaben mühelos virtuos meistert: die aus China stammende Pianistin Yuja Wang, ein weiteres wahres Klavier-Phänomen unserer Zeit. Das famose Mahler Chamber Orchestra, das diesen Abend in allen Orchesterfarben schillern lässt, wurde übrigens 1997 von Claudio Abbado mit ins Leben gerufen und macht seinem Gründer auch heute noch alle Ehre.

1972 ist das Gründungsjahr eines berühmten Streicherensembles, das aus einem vollen Dutzend Violoncelli besteht. Die Violoncellogruppe der Berliner Philharmoniker kam damals im Studio zusammen, um auf Wunsch des ORF Salzburg Julius Klengels «Hymnus» einzuspielen. Gesagt, getan, fand man Gefallen am Spiel ganz unter sich – und blieb dabei. Seit mehr als 50 Jahren konzertieren die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker zusammen und gestalten am finalen Festivalsonntag 2026 eine Matinee in Grafenegg. Was diese zwölf Streicher machen, würde mit einer anderen Instrumentengruppe kaum so gut funktionieren. Denn die zweitgrößten Vertreter der Streicherfamilie steigen auf in hohe Lagen und sorgen gleichzeitig für ein tiefes Fundament, bieten facettenreiche Klangfarben und halten geklopft und geschlagen selbst als Rhythmusgruppe her. So vielfältig wie die musikalischen Möglichkeiten ist auch ihr stilistischer Einsatz – eine Bandbreite, die vom bereits erwähnten «Hymnus» über französische Chansons bis hin zu Jazz mit amerikanischem Ursprung und ebenbürtig arrangierter Filmmusik reicht. 

Was für ein Finale: Zwei legendäre Interpreten, die gemeinsam weit mehr als ein Jahrhundert an Berufserfahrung mitbringen, musizieren mit jungen Menschen im ersten Jahrzehnt ihrer Laufbahn. Riccardo Muti feiert sein Grafenegg-Debüt mit Rudolf Buchbinder: Beide verbindet ihre Neugier, ihre Spontanität und ihr Humor – drei Zutaten, die ein langes, glückliches Musikerleben erst möglich machen. Gemeinsam sorgen sie für die Weitergabe großer Musiziertradition an die nächste Generation. Riccardo Muti setzte sich als einer der berufensten Interpreten sein Leben lang für die Musik Giuseppe Verdis ein. Nach Grafenegg bringt er die Ballettmusik aus «I vespri siciliani» mit und das Notturno des in unseren Breiten viel zu wenig gespielten Giuseppe Martucci – sowie als Auftakt die Ouvertüre zu Domenico Cimarosas Oper «Il matrimonio segreto». «Allzeit habe ich mich zu den Größten Verehrern Mozarts gerechnet», schrieb Ludwig van Beethoven 1826, und er werde es «bis zum letzten Lebenshauch» auch bleiben. Rudolf Buchbinder verabschiedet sich an diesem Abend mit Mozarts d-Moll-Konzert – und auch mit Beethoven, der für den ersten Satz des Konzerts seines verehrten Mozart eine bis heute unerreichte, berühmte Kadenz komponierte. Mit diesem Konzert endet eine Ära: Rudolf Buchbinder wird als Pianist auch in der Zukunft Grafenegg seine Treue halten. Als künstlerischer Leiter aber wird er nach 20 erfolgreichen, unvergesslichen Sommern am 6. September 2026 Adieu sagen. 

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