Festivalwochenende 3
27/08 – 30/08/2026
– seit 20 Jahren
Am 22. Dezember 1808 hob Ludwig van Beethoven als Solist im Theater an der Wien sein G-Dur-Klavierkonzert aus der Taufe, am selben Abend wie die Chorfantasie, mit der Rudolf Buchbinder das Grafenegg Festival 2026 eröffnet. Mehr als 200 Jahre nach der Uraufführung ist das G-Dur-Konzert auf ganz eigene Art immer noch revolutionär: «Allein die Idee, ein Klavierkonzert so zu beginnen!», verweist Rudolf Buchbinder auf die Eröffnung des Konzerts mit Klaviersolo: «Es ist ein so inniges, romantisches Stück, mit tiefster Seele empfunden.» Einer, der stets tief in die Musik eintaucht, ist Fabio Luisi, dessen Danish National Symphony Orchestra erstmals in Grafenegg zu Gast ist. Sie bringen Brahms mit, betrachtet durch die Brille Arnold Schönbergs, der im amerikanischen Exil das g-Moll-Klavierquartett op. 25 für großes Orchester instrumentiert hat. «Man mag das Originalquartett gar nicht mehr hören, so schön klingt die Bearbeitung», zeigte sich 1938 der Uraufführungsdirigent Otto Klemperer begeistert. Klemperer dirigierte 1920 übrigens auch die Kölner Uraufführung von Erich Wolfgang Korngolds am Ende der dritten Festivalwoche konzertant aufgeführten Oper «Die tote Stadt». Schönberg formulierte seine eigenen Gründe für das Arrangement so: «1. Ich liebe das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist desto lauter spielt je besser er ist, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht.»
Alles hören: Das wollte auch Richard Wagner, und zwar genau so, wie er es sich in seinen Träumen vorgestellt hatte. Damit das gelingen konnte, ersann er ein eigenes Opernhaus, das ganz nach seinen Vorstellungen funktionieren sollte. Und so entstanden die Pläne zum Bayreuther Festspielhaus, das 1876,also vor 150 Jahren eröffnet wurde. Bereits 2024 reiste das Orchester der Bayreuther Festspiele für das erste Österreich-Gastspiel seiner Geschichte nach Grafenegg, 2026 kehren die Gäste aus Bayern zurück. Nach Auszügen aus der «Walküre» stehen diesmal Exzerpte aus Wagners letzter Oper «Parsifal» auf dem Programm, das einzige maßgeschneidert für das dann schon existierende Festspielhaus in Bayreuth entstandene Werk, uraufgeführt im Juli 1882. Pablo Heras-Casado steht am Pult, die Titelpartie singt der österreichischen Kammersänger Andreas Schager.
Die so vielfältige Welt der Oper zieht sich auch durch das Programm des dritten Samstagnachmittagskonzert im Rudolf Buchbinder Saal. Gleich zu Beginn spielen Sieben Violoncelli im Alleingang die Ouvertüre zu Gioachino Rossinis letzter Oper: «Guillaume Tell» verträgt sich im Arrangement des Cellisten Blaise Déjardin hervorragend, ebenso wie das komplett anders geartete, berühmte Blumenduett aus der Indien-Oper «Lakmé» von Léo Delibes, das der Pianist und Komponist Jêrome Ducros für die außergewöhnliche Besetzung destilliert hat. Der Meistercellist und seine sechs Mitstreiter:innen am vielleicht schönsten Streichinstrument: Gautier Capuçon und Capucelli vollbringen das Kunststück, quer durch die Musikgeschichte zu pflügen und einen Schatz nach dem anderen zutage zu fördern. Der weltberühmte und in Grafenegg gerne gesehene Gast zählt zu den herausragenden Cellovirtuosen unserer Zeit. Als ebenso leidenschaftlicher Lehrer führt er sein Engagement für die Meisterklasse an der Foundation Louis Vuitton fort. Teil der Capucelli werden dabei stets nur die besten Cellist:innen und Preisträger:innen seiner «Classe d’Excellence de violoncelle». Das Programm mit Musik aus allen Genres und Stilrichtungen umfasst Bearbeitungen und Transkriptionen für dieses einzigartige Spezialensemble, das neben dem selbstverständlichen künstlerischen Ausnahmerang unbändige Spielfreude nach Grafenegg mitbringt. Hinzu kommen auch extra für das Ensemble komponierte Werke wie die «Heptasyllabes» für sieben Violoncelli op. 86 des französisch-schweizerischen Komponisten Richard Dubugnon.
Extra für seinen Freund und Förderer, Erzherzog Rudolph von Österreich, komponierte Ludwig van Beethoven 1808/09 sein großes Es-Dur-Klavierkonzert op. 73. Anfang Mai 1809 floh die kaiserliche Familie, darunter auch der Erzherzog, vor den heranrückenden napoleonischen Truppen aus Wien in die ungarischen Reichsgebiete. Genau diese Zeit, als Beethoven ebenso wie die restliche Wiener Bevölkerung unter der Besatzung litt – «verfluchter Krieg», klagte er im September 1809 in einem Brief –, spiegelt sich auch in der Musik seines 5. Klavierkonzerts. Beinahe eineinhalb Jahrhunderte später, im Jänner 1945, inmitten des Zweiten Weltkriegs, kam die 5. Symphonie von Sergej Prokofjew zur Uraufführung. Prokofjew wollte darin «den Triumph des menschlichen Geistes» symbolisiert haben. Beethoven und Prokofjew schrieben sich im Angesicht der Bedrohung von Leib und Leben wahrhaft heroische Werke aus der Seele, virtuose Funken inklusive. Dass an diesem Abend auch orchestral Funken sprühen werden, dafür sorgt das Royal Concertgebouw Orchestra, das stets unter den Top 5 der Orchester der Welt rangiert. Ebenso hoch gehandelt werden heute Göteborg- und Philharmonia-Chef Santtu-Matias Rouvali sowie der Grammy-Preisträger Víkingur Ólafsson am Klavier.
Musik, die losgelöst von Raum und Zeit wie entrückt wirkt: Das sind die beiden Klaviertrios von Franz Schubert. Der oft rasche Wechsel oder sogar die Gleichzeitigkeit von Lebensfreude und Trostlosigkeit fand in den Werken Schuberts seine Vollendung. Dabei entstanden seine zwei großen Klaviertrios wie nebenbei, im Falle des B-Dur-Trios weiß man nicht einmal, wann. Als die Druckausgabe des Es-Dur-Trios im Dezember 1828 ausgeliefert wurde, war Schubert schon tot. Das B-Dur-Trio erschien überhaupt erst 1836. Und trotz dieser ungünstigen Umstände zählen beide Werke heute zu den Höhepunkten des Genres, ihr Zauber hält uns bis heute fest in seinem Bann. Sie sind zeitlos, wirken stets unmittelbar und beinahe wie soeben komponiert, vereinen einen zupackenden, ungemein energetischen Impetus mit den traurigsten und tiefsten Momenten, die es in der Musik gibt. Rudolf Buchbinder faszinieren diese Trios bereits sein ganzes Pianistenleben lang. Bei der Matinee in Grafenegg lud er sich zwei kongeniale Partner ein, mit denen ihn langjährige künstlerische Freundschaften verbinden: den Geiger Nikolaj Szeps-Znaider und Gautier Capuçon am Violoncello.
Wie gehen Menschen mit Trauer und Traumata um? Die große Zeit des Psychoanalytikers Sigmund Freud schlug sich auch in der Kunst nieder. «Die tote Stadt» erzählt die Geschichte von Paul, der um seine verstorbene Frau Marie trauert, sich in ihr Ebenbild Marietta verliebt und mit Vergangenheit und Zukunft ringt. Am Ende erkennt er, dass ihm die Zukunft offensteht und entscheidet sich für die Welt der Lebenden. Für Rudolf Buchbinder und zahllose Liebhaber des Genres zählt Erich Wolfgang Korngolds Oper zu den Höhepunkten der Musikgeschichte. Die farbenprächtig instrumentierte Partitur, die bereits auf den späteren Filmmusikkomponisten Korngold verweist, sowie Evergreens wie das Duett «Glück, das mir verblieb» und die Bariton-Arie «Mein Sehnen, mein Wähnen» sorgen seit der Doppel-Uraufführung 1920 in Hamburg und Köln für Begeisterung. Otto Klemperer dirigierte damals in Köln, einer der bedeutendsten Interpreten des 20. Jahrhunderts. In Grafenegg steht mit Axel Kober einer der gefeierten Operndirigenten unserer Zeit am Pult, und auch Camilla Nylund als Marietta, Eric Cutler als Paul und Samuel Hasselhorn als Frank sorgen als ideales Trio für große, eindrückliche Opernmomente am Wolkenturm.
Wahlabonnement
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