Festivalwochenende 2
21/08 – 23/08/2026
– seit 20 Jahren
Ein Treffen der Generationen steht am Beginn des zweiten Festivalwochenendes: Musik von Krzysztof Penderecki, des ersten Composer in Residence in Grafenegg, und von Olga Neuwirth, die 2026 als 20. diesen Titel trägt, stehen gemeinsam mit den neuesten Werken der Teilnehmer:innen des Composer-Conductor-Workshops «Ink Still Wet» im Mittelpunkt eines Konzertabends. Als Solist der im Februar 2026 in München uraufgeführten Rhapsodie für Klarinette mit Orchester «Zones of Blue» von Olga Neuwirth ist der Composer in Residence 2014 aufgeboten, der Widmungsträger Jörg Widmann. Am Dirigentenpult steht der Composer in Residence 2017, Brad Lubman. Die Partitur von Olga Neuwirths «Zones of Blue» trägt im Vorspann das Gedicht «Blue Song» von Tennessee Williams, worin es u. a. heißt: «I am tired. / Tired of speech and of action.» Die Komposition entstand im Andenken an ihren 2023 verstorbenen Vater, Harald Neuwirth.
Apropos Olga Neuwirth: Wenn sie Musik schreibt, geschieht das fieberhaft und unter Hochdruck. 1968 in Graz geboren, zählt sie zu den erfolgreichsten österreichischen Komponistinnen – eine vielseitige Weltbürgerin, die in Wien, San Francisco und Paris Musik, Malerei und Film studierte. Inspiriert u. a. von Adriana Hölszky, Tristan Murail und Luigi Nono, überschreitet ihr Schaffen konsequent Genregrenzen und bezieht Literatur, Film, Bildende Kunst und Naturwissenschaften mit ein.
Frühe Erfolge erzielte sie mit Elfriede Jelinek, etwa in den Miniopern «Der Wald» und «Körperliche Veränderungen» sowie im Musiktheater «Bählamms Fest». 2026 folgt in Hamburg die Oper «Monster’s Paradise», erneut nach einem Libretto von Jelinek. Neuwirth komponierte für führende Institutionen wie das New York Philharmonic, das Lucerne Festival sowie das London Symphony Orchestra und engagierte sich ebenso in der Jazz- und Improvisationsszene. Für ihr interdisziplinäres Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Ernst von Siemens Musikpreis und den Großen Österreichischen Staatspreis. Ihre Musik ist weltweit präsent – von der Carnegie Hall bis zur Royal Albert Hall. Mit «Orlando» war sie 2019 die erste Frau, die einen Kompositionsauftrag der Wiener Staatsoper für die große Bühne realisierte. Seit 2021 ist sie Professorin an der mdw in Wien. 2026 prägt sie als Composer in Residence den Composer-Conductor-Workshop «Ink Still Wet» in Grafenegg.
Einer der international bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, in gewisser Weise ein Superstar, war Dmitri Schostakowitsch, der in seiner Heimat, der Sowjetunion, aber oft mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte, als ihm lieb war. Sein größter Fan und sein größter Feind war Josef Stalin, er kostete den verängstigten Komponisten über Jahre den ruhigen Schlaf und die Lebensfreude, spätestens seit der Zeit des sogenannten «Großen Terrors» 1936 bis 1938, der wahllos auch Musiker, Intellektuelle und Künstler zum Opfer fielen. 1933 war Schostakowitschs Welt noch in Ordnung, soweit das im damaligen Sowjetreich möglich war. Er lebte frisch verheiratet mit seiner Frau, seine Karriere verlief positiv, er engagierte sich bei einem Theater für proletarische Arbeiter, was seinem Ansehen beim Politbüro nützt. Man ließ ihn in Ruhe, und er komponierte. In dieser für ihn einigermaßen entspannten Phase entstanden auch die 24 Klavier-Präludien op. 34, ein äußerlich an den 24 Préludes op. 28 von Chopin orientierter Zyklus und Vorläufer der späteren großen Präludien und Fugen op. 87.
«Sie klingen so geigerisch», schwärmte Dmitri Schostakowitsch bald über seine Präludien op. 34. Geigerisch? Ja, denn Dmitri Zyganov, Primarius des Beethoven-Quartetts und guter Freund Schostakowitschs, arrangierte bald 19 der kurzweiligen Preziosen für Violine und Klavier. Die Komponistin Lera Auerbach vervollständigte im Jahr 2000 den Zyklus, der in Grafenegg in seiner kompletten Gestalt als österreichische Erstaufführung erklingt. Sergei Dogadin und Daniil Trifonov, beide einst Gewinner des Tschaikowski-Wettbewerbs, zählen zu den berufensten Interpreten der Gegenwart. An den Beginn ihres Kammerkonzerts stellen sie die dem berühmten Geiger David Oistrach gewidmete und von ihm und Lev Oborin 1946 uraufgeführte 1. Violinsonate Sergej Prokofjews, in der die Stimmung der Entstehungszeit auf ebenso beklemmende wie plastische Weise in Töne gefasst ist. Prokofjews Hinweis auf eine bestimmte tonleiterähnliche Passage im ersten Satz, die «wie über einen Kirchhof streichender Wind klingen soll», verrät deutlich die hinter der Musik verborgene Inspiration.
Sowohl Schostakowitsch als auch Prokofjew waren hervorragende Pianisten, wie Johannes Brahms einst vor ihnen. Alle drei komponierten Klaviersonaten, viele kleinere Stücke und auch Klavierkonzerte – Prokofjew fünf, Schostakowitsch und Brahms je zwei. Sein zweites vollendete Brahms 1881. Damals vermeldete er seiner Freundin Elisabeth von Herzogenberg in launiger Untertreibung: «Ein ganz ein kleines Klavierkonzert» habe er geschrieben. Sein Opus 83, das B-Dur-Konzert für Klavier und Orchester in vier großen symphonischen Sätzen, zählt zu den Leib- und Magenstücken Rudolf Buchbinders, der die ganze Bandbreite von zarten Lyrismen bis zu heftigen Ausbrüchen auszuschöpfen versteht. Lahav Shani, selbst ein hervorragender Pianist, leitet das Israel Philharmonic Orchestra. Ein Klavierkonzert dieser Dimension verlangt als Kontrast eine adäquate Symphonie, die wie in diesem Fall auch mit Hörnerklang anhebt: Franz Schuberts «Große C-Dur-Symphonie», die zehn Jahre nach Schuberts Tod von Robert Schumann uraufgeführt wurde. Sie gilt seither als ein Achttausender des symphonischen Repertoires – und als Herausforderung für die Weltklasse der Interpret:innen.
Vor gut sieben Jahrzehnten formierte sich in Luzern ein Kammerorchester, das seinerseits zur Weltklasse zählt. Es war am 26. August 1956, als die von den Geigern Wolfgang Schneiderhan und Rudolf Baumgartner ins Leben gerufenen Festival Strings Lucerne ihr Gründungskonzert spielten. Kurz vor ihrem 70. Geburtstag macht das weltberühmte Ensemble mit seinem künstlerischen Leiter Daniel Dodds in Grafenegg Station – mit einem traumhaften Programm: Edward Elgars frühe Streicherserenade vereint in ihren drei Sätzen pastoral-elegisches Idyll mit Spielwitz, während Wolfgang Amadeus Mozarts «Jupiter»-Symphonie hinter der majestätischen Maske sofort die andere, melancholisch-tragische Seite seiner Seele und seiner Musik offenbart. Sein Konzert für Flöte, Harfe und Orchester zählt nicht zuletzt wegen der ungemein sensiblen Instrumentierung zu seinen innigsten Schätzen, ideal für das erlesene Duo aus den Reihen der Wiener Philharmoniker, Soloflötist Karl-Heinz Schütz und Soloharfenistin Anneleen Lenaerts.
Nicht minder feinsinnig instrumentiert ist das berühmteste Klarinettenkonzert der Musikgeschichte: Wolfgang Amadeus Mozarts A-Dur-Konzert, interpretiert von einem der führenden Klarinettisten der Gegenwart. Der Schwede Martin Fröst spielt das Konzert auf jenem Instrument, für das es einmal gedacht war: die dunkler timbrierte Bassettklarinette. Das Israel Philharmonic Orchestra zählt zu jenen Orchestern, die bereits im ersten Festivalsommer in Grafenegg mit dabei waren. Musikdirektor Zubin Mehta dirigierte damals Gustav Mahlers 7. Symphonie. 2020 trat Lahav Shani die Nachfolge Mehtas in Israel an, und zum Abschluss des zweitägigen Gastspiels leitet er Mahlers 5. Symphonie: Die Fülle an Gemütszuständen vom Militärsignal und Trauermarsch zu Beginn über die Spuk- und Naturlaute im Scherzo und das schwärmerisch-romantische Adagietto bis zum jubelnden Finale umspannt eine ganze Welt in Tönen.
Wahlabonnement
Festivalwochenende 2Stellen Sie sich Ihre persönliche musikalische Reise zusammen und wählen Sie drei Konzerte aus.