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Architektur und Akustik im Rudolf Buchbinder Saal

Architekt Ernst Maurer & Akustiker Michael Wahl im Gespräch

Published: 02 June 2026

Der neue Kammermusiksaal in Grafenegg

Ein Gespräch mit dem Architekten Ernst Maurer im Rudolf Buchbinder Saal

«Es ist eine große Freude, hier am Vorplatz der ‹neuen› Alten Reitschule zu stehen und das fertige Werk zu sehen, in der Gewissheit, die Vorgaben, das Budget und die Zeit eingehalten zu haben. Das ging nur durch die großartige Zusammen­arbeit und den vollen Einsatz aller Menschen, die hier mitgewirkt haben, sei es vor Ort oder in den Planungsbüros. Also mehr kann man sich als Archi­tekt nicht wünschen.» 

Mit Grafenegg ist Ernst Maurer seit den 1970er-Jahren vertraut, als er den damals entstandenen Grafenegg Advent besuchte. Später hat hier im Schloss seine Tochter die Hochzeit gefeiert. Auch professionell bestand schon früh Interesse: «Wir hatten 2007 am Wettbewerb für das Auditorium teilgenommen. Diesen Wettbewerb haben wir damals nicht gewonnen, aber die Verbindung und das Interesse an Grafenegg wurde geweckt. Immer wieder besuchten wir Konzerte und Veranstaltungen auf dem einzig­artigen Gelände. Die Teilnahme am Wettbewerb für den Umbau der Alten Reitschule und der Errichtung des Rudolf Buchbinder Saals als niederösterreichisches Architekturbüro war daher sofort klar.»

Für Maurer & Partner begann die Arbeit 2023 mit der europaweiten Ausschreibung für den zweistufigen Wettbewerb zum Umbau der Alten Reitschule, den das in Hollabrunn beheimatete Architekturbüro für sich verbuchen konnte. «Den geplanten Konzertsaal in die Beletage anzuheben, das war der Kern unseres Entwurfes. Die sich dadurch ergebenden Vorteile waren sicher ausschlaggebend für den Zuschlag.» Eine wichtige Forderung in der Ausschreibung bezog sich auch auf die Erweiterung des Foyers, da das bestehende Foyer des Auditoriums  zu klein war für die große Anzahl an Besucher:innen. «Die Herausforderung war, diesem Bereich die entsprechende Raumhöhe zu geben. Durch das Anhe­ben des Saals und das neue Dach ist uns das gut gelungen. Das Foyer wirkt nicht drückend, sondern hat auch einen gut nutzbaren Seminarraum ermöglicht, welcher jederzeit durch mobile Trennwände flexibel abgetrennt werden kann.»

Ein prächtiger Bau

Die eigentliche Planungsphase, bevor im September 2024 die Umbauarbeiten vor Ort beginnen konnten, erstreckte sich über ein Jahr, wobei Maurer & Partner an strikte Vorgaben gebunden waren. «Ein wesentlicher Teil beim Bau eines Konzertsaals ist naturgemäß die Akustik, weshalb wir von Anfang an das renommierte Münchner Ingenieur-Büro Müller-BBM Building Solutions als Konsulenten zugezogen hatten.» Müller-BBM zeichneten auch schon für die akustische Gestaltung des Wolkenturms und des Auditoriums verantwortlich. 

    Für den neuen Konzertsaal mussten pro Besucher:in acht Kubikmeter Luftvolumen geschaffen werden. «Das heißt, bei 500 Besucher:innen ergibt das 4.000 Kubikmeter Luftvolumen. Das war in der vorgegebenen Struktur nicht möglich. In enger Abstimmung mit Bauherr, Bundesdenkmalamt und Statik ist es uns gelungen, das Dach so zu gestalten, dass wir das benötigte Volumen harmonisch in den Bestand eingliedern konnten. Die neue Dachform, welche auf die historische Form Bezug nimmt, schafft das Luftvolumen und gleichzeitig ein optisches Highlight.»

    Die für die Erhöhung des Gebäudes benötigen Ziegel wurden nach genauen Vor­gaben extra gebrannt, um optisch so nah wie möglich an die Originale zu kommen. «Der jetzt noch sichtbare leichte Unterschied wird mit der Zeit ganz verschwinden.» Die örtliche Bauaufsicht hat sämtliche Gewerke koordiniert und von der Qualität bis zur termin­gerechten Lieferung geprüft. «Das war sehr herausfordernd, aber es ist schön, dass der Saal pünktlich zu Rudolf Buchbinders 80. Geburtstag und seiner letzten Spielzeit als künstlerischer Leiter in Grafenegg fertig ist.»

    Gute Akustik und eine spezielle Dachform

    Die Dachkonstruktion basiert auf dem sogenannten Zollinger-System, das sind ineinander verkeilte massive Holzstäbe, welche sich selbst tragen. «Dieses Holz-Netz haben wir im Innenraum optisch sichtbar gelassen. Tonnendächer sind aber akustisch eine Herausforderung, und Müller-BBM Building Solutions hat uns hier ganz fabelhaft unterstützt.»

    Roof construction Rudolf Buchbinder Hall
    © Nikita Gerkusov

    Diese jetzt tragende Konstruktion konnte man 2025 im Zuge der Bauphase noch ohne das darauf ruhende Dach bewundern. «In den Zwischenräumen des Holz-Netzes wurden pyra­midenartige Strukturen eingebaut, welche jeweils 30 bis 40 cm dick sind und durch ihr Gewi­cht schallschluckend wirken. Diese spezielle Pyramidenform war von den Akustikern vorgegeben und ist in jedem Feld exakt gerechnet. Auch das von der Decke hängende Glasschild war notwendig, um eine gleich­mäßige Verteilung der Musik zu gewähr­leisten.» Der Schall muss gleichmäßig nach hinten geleitet werden. Sei es die Musik eines Kammerorchesters, eines Ensembles, eines Instruments oder von Stimmen, um allen Besucher:innen ein optimales Konzerterlebnis zu bieten. «40 Kilogramm pro Quadratmeter sind alle Flächen im Raum schwer, um akustisch reflektiv zu wirken. Wäre die Masse zu gering und würde die Eigenschwingung mitresonieren, könnte die Funktion der Reflexion nicht ordentlich übernommen werden.» 

    Ein Konzertsaal im Souterrain?

    «Wir hatten ganz am Anfang auch kurz die Möglichkeit diskutiert, den Saal im Erd­geschoß zu errichten und im Obergeschoß Seminarräume oder Büros einzubauen. Aber dann hätte man, um im Erdgeschoß die nötige Kubatur von 4.000 Kubikmetern zu erreichen, den Saal absenken müssen. Das hätte für uns nicht funktioniert.» Den Saal in die Beletage zu legen und das erweiterte Foyer mit den Seminarräumen im Erdgeschoss zu planen, war für Ernst Maurer die einzig sinnvolle Lösung. Und er sollte damit recht behalten. «Man lebt mit so einem anspruchsvollen Projekt natürlich selbst sehr mit. Wir haben das ganze Jahr über, ab den ersten Entwürfen, mit den Konsulenten eng zusammen­arbeitet. Es waren unglaublich viele Menschen am Gelingen des Baus beteiligt.» Die renommierte Baufirma PORR verantwortete den Hochbau. Klenk & Meder setzte die anspruchsvolle Haustechnik perfekt um.

    Auf die Frage, ob es sein kann, dass man etwas plant, was dann aber in der Praxis nicht funktioniert, antwortet Ernst Maurer: «Das ist nur bei einem Detail geschehen: Die Rückwand hinter der Bühne musste noch einmal geändert werden, weil sich optisch ein Effekt eingestellt hatte, welchen wir nicht vorausgesehen hatten.» In Hinblick auf die Dimensionen des gesamten Bauprojekts tatsächlich nur ein kleines Detail.

    Vorhänge und Sessel

    Manchmal sichtbar, manchmal nicht, sind die Vorhänge im Rudolf Buchbinder Saal. «Sie können komplett verborgen werden, sei es an den Seitenwänden, oder auch an der Vorderwand hinter der Bühne. Das ist sehr wichtig für die Akustik, z. B. für besonders laute Veranstaltungen, um gegebenenfalls noch zusätzliches schallschluckendes Material zu haben.» Die Seitenwände, für die Maurer & Partner eine spezielle Form entwickelt haben, sind aus den Anforderungen der Akustik entstanden oder Schallschutzanforderungen geschuldet. Selbstverständlich blieb kein Detail dem Zufall überlassen: «Vielleicht fällt es Ihnen auf, dass die Sessel in unterschiedlichen Rottönen gestaltet sind? Das belebt den Raum. Das verwendete Holz an den Wänden ist Weißtanne. Und man kann den Saal auch komplett abschirmen: In allen Fenstern verlaufen Schienen, welche auf Knopfdruck die Fenster abdunkeln. Für Filmvorführungen etwa oder filmisch begleitete Aufführungen haben wir eine riesige Leinwand über der Bühne eingeplant.»

    Ein dezentes Nebengebäude

    Zusätzlich wurde in der runderneuerten Reitschule ein Zubau notwendig. Zahlreiche Nebenräume wie Künstlerzimmer, Medienräume, sanitäre Anlagen und eine große Küche für das Catering werden hier beherbergt. «Es war uns wichtig, dieses zusätzliche Gebäude optisch zurückhaltend zu gestalten: modern, in einer klaren Architektursprache, und der bestehende Baubestand wurde erhalten. Der Zubau soll keinesfalls die Aufmerksamkeit von der Reitschule abziehen.» Eine Besonderheit ist, dass es keine sichtbaren Lüftungsrohre oder Heizungsleitungen gibt. Sie befinden sich alle im neu errichteten Installationskeller. «Ganz hinten bei den Lüftungsschlitzen auf der Galerie im Saal wird die Luft abgesaugt. Über Luftlöcher im Boden fließt unmerklich wieder frische Luft in den Raum. So bleibt die Luft stetig frisch und klimatisiert. Dieser Installationskeller, in dem die komplette Technik untergebracht ist, befindet sich komplett unter dem Gebäude. Die Statiker rieten uns, den neuen Keller rund zwei Meter von den bestehenden Seitenwänden abzurücken, um Setzungen oder Störungen der Fundamente zu vermeiden. So hat die Unterkellerung im Bestand wunderbar geklappt.»

    Ist Ernst Maurer stolz darauf, was hier gelungen ist? «Vor allem bin ich allen, die hier ihr Knowhow und ihr Herzblut mit uns zusammen hineingesteckt haben, sehr dankbar. Und ja, ich bin stolz auf das Ergebnis, das alle Beteiligten gemeinsam geschafft haben.»

    Aufgezeichnet von Markus Hennerfeind

    Gelungenes Finale mit Schlussakkord

    Michael Wahl zur Akustik im neuen Rudolf Buchbinder Saal

    Die Reitschule in Grafenegg hat eine fast 200-jährige Geschichte hinter sich. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als wohlproportioniertes Gebäude im schlichten klassizistischen Stil errichtet. Das Gebäude beherbergte einen einzigen Großen Saal über die gesamte Gebäudehöhe. Bei den Über­legungen zur Renovierung und in der Wettbewerbsphase wurden verschieden Nutzungsprofile vorgeschlagen. Die Idee eines Konzertsaales im Obergeschoss mit einem Foyer im Erdgeschoss überzeugte alle Beteiligten und setzte sich schlussendlich durch. Diese Lösung war jedoch nur möglich, da für den Konzertsaal im Ober­geschoss eine ausreichende Raumhöhe realisiert werden konnte.

    Optimale Raumproportionen für ausgezeichnete Klangentfaltung

    Über das Entstehen einer guten Akustik lässt sich intensiv und kontrovers diskutieren. Nicht jedoch über optimale Proportionen in einem Kammermusiksaal. Bei Kammermusiksälen spielt die Grundform des Saales eine wichtige Rolle, da die Richtcharakteristik der Soloinstrumente und der Gesangsstimmen im Wesentlichen in der Hauptabstrahlrichtung liegt. Insofern kann die symmetrische Rechteckform des Saales als akustisch günstig bezeichnet werden. Die Saallängen betragen ca. 28 m im Parterre und bis zu ca. 36 m im Galeriebereich, die Breite ist ca. 15 m, und die Raumhöhe weist etwa 10 m im Scheitelpunkt des Daches auf, sodass der Saal ein Raumvolumen von ca. 4.200 m³ besitzt. Dies stellt eine hervorragende Grundlage zur Erzielung eines sehr guten Kammermusiksaales für insgesamt 400 bis maximal 500 Zuhörer:innen dar. Damit ist der Saal in idealer Weise für Rezitale und Kammermusik geeignet.

    Rudolf Buchbinder Hall
    © Sofija Palurovic

    Bewusste Oberflächenstrukturierung für ideale Schallverteilung

    Das sogenannte Zollingerdach in Holzkonstruktion überspannt den gesamten Saal, und die einzelnen Balken bilden eine reich strukturierte Deckenoberfläche. Unterhalb der tonnenförmigen Decke sorgt ein konvexes Deckensegel für eine bestmögliche Schallverteilung ohne Fokussierungen. Gegliederte Raumoberflächen in Musiksälen sind essenziell für ein ausgewogenes Klangerlebnis. Daher wurden auch sämtliche Wand- und Deckenflächen mit dreiecks- bzw. pyramidenförmigen Holzstrukturen versehen.

    Bleibt die Frage, inwieweit die Glasflächen der historischen Fenster im Saal der Raumakustik abträglich sind? Gar nicht, lautet die Antwort.

    Der Rudolf Buchbinder Saal verfügt über zahlreiche filigrane Oberflächen, die die Eigenschaften der Glasflächen günstig ausgleichen bzw. ergänzen. Die hochschalldämmenden Kastenfenster erfüllen ihre bestimmungsgemäße Funktion, und sie lassen Tageslicht in den Saal, was Künstler:innen nicht nur an langen Probentagen erfreut.

    Konzertsaalbestuhlung

    Im Parterre des Rudolf Buchbinder Saals ist die Bestuhlung eben aufgestellt, wie es in historischen Sälen üblich und auch in der damaligen Reitschule vorgesehen war. Der flache Parterrebereich wurde im Zuge des Umbaus um etwa 9 m verkürzt, und es entstand eine neue Galerie mit ansteigender Reihenüberhöhung, die zur besseren Schallversorgung der hinteren Zuhörerbereiche führt.

    Die Sessel nehmen in der Raumakustik eine in positiver Weise wirkende Zwitterfunktion ein: Sind sie im Probenbetrieb unbesetzt, steigt der Nachhall im Raum leicht an. Die ideale Klangentfaltung entsteht jedoch erst im besetzten Raumzustand beim Konzert, wie bei vielen historischen Konzertsälen. Auch dazu wurden die akustischen Eigenschaften der Bestuhlung im Hallraum der Firma Müller-BBM Building Solutions untersucht und optimiert.

    Rudolf Buchbinder Hall
    © Sofija Palurovic

    Erstklassiges Nachklingen im Saal

    Neben anderen raumakustischen Kriterien konnten die Nachhallzeiten des Saales bereits im Vorfeld der Eröffnung während verschiedener Probensituationen erfasst werden. Die Messungen bestätigen, dass für diese kammermusikalischen Nutzungen ausgezeichnete Nachhallzeiten bei den Oktaven von 500 Hz und 1.000 Hz von etwa T500/1.000 Hz = 1,6 s bis 1,9 s im Rudolf Buchbinder Saal vorhanden sind. Es ist ein gewünschter Anstieg der Nachhallzeit zu tiefen Frequenzen und ein leichter Abfall im hohen Frequenzbereich vorhanden, ohne die Brillanz einzuschränken.

    Der große Schlussakkord

    Im Rudolf Buchbinder Saal der Reitschule Grafenegg kann exzellent musiziert werden. Nicht nur für die Musiker:innen, sondern auch für die Zuhörer:innen stellt der neue Raum ein wunderbares architektonisches und akustisches Ambiente zur Verfügung. Das hervorragende Renommee des Gesamtareals von Auditorium und Wolkenturm wird durch den neuen Kammermusiksaal in idealer Weise optisch und akustisch ergänzt.

    Rudolf Buchbinder Hall
    © Sofija Palurovic

    Michael Wahl, Müller-BBM Building Solutions

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    Reitschule & Rudolf Buchbinder Saal
    Opening concert Rudolf Buchbinder Hall
    © Sofija Palurovic
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